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Mutters

Agenda

elften Band

28. Januar 1970

(Satprem fängt an, Mutter sein Vorwort zur zweiten Ausgabe vom Abenteuer des Bewußtseins vorzulesen. Wir veröffentlichen es hier, um den Puls jener Zeit wiederzugeben.)

Das Zeitalter der Abenteuer ist vorbei.

Selbst wenn wir uns bis in die siebente Galaxis begeben, so tun wir das computergesteuert und in einen Raumanzug gehüllt; und nichts ändert sich, wir stehen genauso da wie zuvor: als hilflose Kinder angesichts des Todes, als Lebewesen, die sich nicht im klaren sind, warum und weshalb sie leben und wohin es geht. Was die Erde betrifft, wissen wir nur zu gut, daß die Zeiten eines Cortez oder Pizarro Vergangenheit sind: die gleiche alte Maschinerie erdrückt uns; die gleiche alte Mausefalle steht allenthalben bereit einzuschnappen. Doch wie immer stellt es sich heraus, daß unsere schlimmsten Schwierigkeiten unsere größten Möglichkeiten sind und daß die obskure Übergangszeit, die wir gegenwärtig durchleben, doch nur eine Übergangszeit ist, die zu einem größeren Licht führt. Wir stehen vor einer Wand, am Beginn der letzten Entdeckungsreise, dem letzten Abenteuer, das uns noch bleibt: der Erkundung unserer selbst.

Die Zeichen mehren sich, und ihre Bedeutung liegt auf der Hand. Das bemerkenswerteste Phänomen der sechziger Jahre ist nicht der Trip zum Mond, es sind vielmehr die "Trips" auf Drogen, die weltweiten Studentenunruhen und die Hippy-Bewegung – wohin aber um alles in der Welt könnten sie noch führen? Es gibt keinen Platz mehr auf unseren überfüllten Stränden und keinen Platz mehr in den wachsenden Ameisenhaufen unserer Städte. Der Ausweg liegt anderswo.

Doch es gibt verschiedene Arten von "Anderswo".

Jene der Drogen sind unsicher und voller Gefahren, vor allem aber sind sie abhängig von äußeren Mitteln – es sollte möglich sein, eine Erfahrung willentlich und an irgendeinem Ort zu machen, inmitten eines Einkaufszentrums ebenso wie in der Zurückgezogenheit des eigenen Zimmers, denn ansonsten ist es keine Erfahrung, sondern lediglich eine Anomalie oder eben eine Abhängigkeit.

Jene der Psychoanalyse beschränkten sich bis jetzt auf einige schlecht erleuchtete Kellergewölbe des Unterbewußtseins, vor allem jedoch fehlt ihnen der Hebel des Bewußtseins, der es einem erlaubt, sich frei zu bewegen und Herr seiner selbst zu sein, anstatt sich in die Rolle eines hilflosen Beobachters oder eines Patienten versetzt zu sehen.

Jene der Religion sind schon eher erleuchtet, aber auch sie sind abhängig von einem Gott oder einem Dogma, vor allen Dingen aber schränken sie uns auf eine Art von Erfahrung ein, denn es ist schließlich genausogut, ja sogar eher möglich, ein Gefangener anderer Welten als ein Gefangener dieser Welt zu sein....

Ja, ja.

... Letztlich bemißt sich der Wert einer Erfahrung an ihrer Kapazität, das Leben zu verändern, ansonsten ist sie nichts als eine eitle Sinnestäuschung oder ein vergeblicher Traum.

Mit Sri Aurobindo gelangen wir zu einer doppelten Entdeckung, deren wir dringend bedürfen, wenn wir nicht nur einen Ausweg aus dem erstickenden Chaos, in dem wir leben, finden, sondern auch unsere Welt verändern wollen. Folgen wir ihm Schritt für Schritt auf seiner außerordentlichen Forschungsreise – seiner Technik, innere Räume zu erschließen, wenn man so will –, so stoßen wir auf die wichtigste aller Entdeckungen, auf das Große Geheimnis, welches das Gesicht der Welt verändern wird. Es besteht darin, zu erkennen, daß Bewußtsein eine Macht ist. Hypnotisiert von den "unumstößlichen" Naturgesetzen, die den modernen Menschen seit seiner Geburt einmauern, glaubt er, daß seine alleinige Hoffnung in der ständig zunehmenden Herstellung und Verbreitung von Maschinen liegt, welche besser sehen, besser hören, besser rechnen, besser heilen können als er – und die schließlich vielleicht sogar besser leben werden als er...

(Mutter lacht)

... Zuerst müssen wir der einfachen Tatsache wieder gewahr werden, daß wir mehr können als all unsere Maschinen und Apparate und daß gerade diese gewaltige Maschinerie, die uns erdrückt, ebenso schnell zusammenbrechen kann, wie sie erbaut wurde, vorausgesetzt, wir ergreifen den Hebel der wahren Macht und erkunden unser eigenes Herz, so wie es umsichtige und planvolle Forscher tun würden.

In diesem Falle machen wir vielleicht die überraschende Entdeckung, daß unser prächtiges 20. Jahrhundert kaum mehr ist als das Steinzeitalter der Psychologie, daß wir, trotz all unserer Wissenschaft, noch nicht auf die wahre Wissenschaft des Lebens gestoßen sind, auf die wirkliche Beherrschung der Welt und unserer selbst, und daß sich vor unseren Augen Horizonte der Vollkommenheit, der Harmonie und Schönheit öffnen, im Vergleich zu denen sich unsere stolzesten Entdeckungen und Erfindungen wie krude Dilettantismen eines Lehrjungen ausnehmen.

Das ist ausgezeichnet... wunderbar. Es hat eine dynamische Kraft.

*
*   *

Kurz darauf

Nicht letzte Nacht, sondern die Nacht zuvor sah ich zum ersten Mal Sri Aurobindo ein Auto steuern. Er lenkte es, und ich saß direkt hinter ihm, und es war, als sei die ganze Welt gegenwärtig. Aber zwischen mir und Sri Aurobindo, das heißt, zwischen der Welt und Sri Aurobindo befand sich eine Trennwand (wie eine Glasscheibe), aber davor hing eine Matte, damit man nicht hindurchschauen konnte. Ich konnte sehen, die anderen jedoch sahen nichts, und ich sah Sri Aurobindo am Steuer, er war es, der fuhr. Er war... ohne Alter und besaß eine außergewöhnliche Kraft und MEISTERSCHAFT als Fahrer. Und es war, als ob... als ob er anfinge, die Welt zu führen.

Ich fragte mich: "Wie ist das möglich?..." Es war das erste Mal. Ich sehe ihn fast jede Nacht, aber er ist immer beschäftigt, geht hierhin und dorthin, er tut etwas oder verhält sich ruhig oder sieht Leute oder tut scheinbar nichts; hier steuerte er also einen Wagen – es war der Wagen der Welt –, und da war eine Trennwand, damit man nicht sah, daß er es war... Dahinter befand sich die gesamte Welt, und man wußte es nicht, aber er fuhr mit einer unglaublichen Sicherheit und Schnelligkeit.

Als ich erwachte, hatte ich den Eindruck, daß sich wirklich etwas verändert hatte.

Natürlich hängt dies mit der bevorstehenden Hundertjahrfeier zusammen 1 . Da war noch eine Trennwand, aber er führte das Steuer.

Jetzt verstehe ich meine Vision.

Diese Kraft, diese Macht in ihm war gewaltig.

(Schweigen)

Es war eine ganz besondere Nacht... Ein alter Freund von Amrita ist in dieser Nacht gestorben: Ganeshan. Ich wußte es nicht. Und es war...

Wie soll ich das wirklich erklären?... Der Körper, das Bewußtsein des Körpers war das Bewußtsein eines sterbenden Körpers, aber gleichzeitig mit dem absoluten Wissen, daß er nicht starb. Es war jedoch das Bewußtsein eines sterbenden Körpers mit allen Ängsten, allem Leid, all diesen Dingen, aber da war das Wissen, daß dies hier nicht starb (Mutter deutet auf ihren eigenen Körper). Es hielt lange an: die ganze Nacht – Ganeshan starb sehr früh am Morgen. Später erfuhr ich es (wenige Stunden später berichtete man mir, er sei gegangen), da verstand ich... Dieser Mann besaß eine intensive Hingabe, und er wußte schon seit langem, daß er sterben würde. Seine Söhne hatten ihm vorgeschlagen, ihn mitzunehmen, um ihn zu pflegen – er sagte: "Nein, ich will im Ashram sterben, ich will die Atmosphäre hier nicht verlassen."... Ich verstehe, weshalb, denn... das Bewußtsein half ihm die ganze Zeit, begleitet von der Reaktion, die mein Körper haben würde. Verstehst du? So starb er unter besonders günstigen Bedingungen. Mein Körper war so (hingebungsvolle Geste) und sagte: "Gut, Herr, wie Du willst, ich bin vollkommen bereit." Und gleichzeitig wußte er genau: "Du bist nicht dabei zu sterben ..."

Aber er verhielt sich so, er sagte: "Nun gut, wenn Du entschieden hast, dann hast Du entschieden ..." Und er wußte. Ich kann nicht behaupten, er habe eine angenehme Nacht verbracht, nein. 2 Aber das Bewußtsein war äußerst bewußt, oh!...

Als man ihm (dem Körper) dann am Morgen sagte, daß dieser Mann dahingeschieden sei, lachte er und sagte: "Aha! das war es also ..."

Aber es war interessant. Und danach (ich weiß nicht mehr, um wieviel Uhr, aber wahrscheinlich, als ihm klar wurde, daß es vorbei war oder daß es bald vorbei sein würde – jedenfalls als die Intensität des "Vorgangs" nachgelassen hatte), gleich danach hatte ich diese Vision: er kehrte wieder in seine gewöhnliche Ruhe zurück, und plötzlich befand ich mich in diesem Auto – dem Weltenauto, gesteuert von Sri Aurobindo... Und die Erfahrung war von einer so ungeheuer WAHREN und lebendigen, wirklichen Klarheit, unglaublich!

(Meditation)

 

1 1972

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2 Mutter mußte sich in dieser Nacht erbrechen.

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