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Sri Aurobindo

Briefe όber den Yoga

Band 1

DER SINN DES AVATARS

I

Sicher, für das Erdbewusstsein ist die reine Tatsache der Manifestation des Göttlichen die größte aller Herrlichkeiten. Betrachte diese Finsternis hier und stelle dir vor, wie es wäre, wenn das Göttliche nicht unmittelbar eingreifen, wenn das Licht des Lichtes nicht aus dieser Finsternis hervorbrechen würde – und das ist der Sinn der [göttlichen] Manifestation.

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Eine Inkarnation ist das Göttliche Bewusstsein und Wesen, das sich durch einen Körper manifestiert. Sie ist von jeder Ebene aus möglich.

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Es ist das allgegenwärtige kosmische Göttliche, welches den Ablauf des Universums stützt; eine Inkarnation mindert nicht im geringsten die kosmische Gegenwart und das kosmische Wirken in den drei oder dreißig Millionen Universen.

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Die herabkommende Macht (avatār, das Göttliche, das sich in einem Menschen manifestiert) wählt selbst Ort, Körper und Zeit für ihre Manifestation.

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Der avatār wird gebraucht, wenn eine besondere Arbeit verrichtet werden muss, sowie in den Krisen der Evolution. Der avatār ist eine besondere Manifestation, sonst wirkt das Göttliche innerhalb der normalen menschlichen Grenzen als ein vibhūti.

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Der avatār hätte keine große Bedeutung, wenn er nicht mit der Evolution verbunden wäre. Die hinduistische Reihe der zehn avatāra ist gleichsam in sich eine Parabel der Evolution. Zuerst der Fisch-avatāra, dann das Amphibientier zwischen Land und Wasser [die Schildkröte], dann das Landtier [der Eber], dann der Mann-Löwe, der die Brücke zwischen Mensch und Tier schlägt, dann der Mensch als Zwerg, klein und unentwickelt und ganz physisch, doch die Gottheit in sich bergend und vom Dasein Besitz ergreifend; es folgen die rajasischen, sattvischen und nirguṇa-avatāra [die unpersönlichen avatāra], welche die menschliche Entwicklung vom vital-rajasischen zum sattvisch-mentalen Menschen und schließlich zum obermentalen Übermenschen führen. Krishna, Buddha, Kalki stellen die drei letzten Stadien dar, die Stadien der spirituellen Entwicklung – Krishna öffnet die Möglichkeit des Obermentals, Buddha versucht, zur höchsten Befreiung in das Jenseitige emporzuschießen – diese Befreiung jedoch ist noch negativ und wendet sich nicht zur Erde zurück, um die Evolution im positiven Sinn zu vollenden; Kalki gleicht dies aus, indem er das Königreich des Göttlichen auf die Erde bringen und die sich widersetzenden asurischen Kräfte vernichten wird. Das Fortschreiten ist deutlich und unwiderlegbar.

Was die Leben anbelangt, die zwischen den Leben der avatāra liegen, so darf man nicht vergessen, dass Krishna von vielen Leben in der Vergangenheit spricht, nicht nur von einigen höchsten, und dass er, obgleich er sich als das Göttliche bezeichnet, an einer Stelle von sich als vibhūti spricht, vṛṣṇīnāṃ vāsudevaḥ. Wir können daher beinahe annehmen, dass er sich in vielen Leben als ein vibhūti manifestierte und das vollere Göttliche Bewusstsein verbarg. Wenn wir davon ausgehen, dass es das Ziel des avatars ist, die Evolution zu lenken, dann ist es durchaus verständlich, dass das Göttliche in den großen Übergangsstadien als avatar erscheint und als vibhūti, um die kleineren Übergange zu stützen.

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Die Obermental-Befreiung kann nicht die höchste sein, da es etwas darüber gibt – doch gibt es Befreiung als solche sogar schon im höheren Mental. Was jedoch die höchste Befreiung anbelangt, so ging ich von der buddhistischen und Advaita-Auffassung aus und stellte sie richtig, indem ich die nirvāṇa-Anschauung als zu negativ bezeichnete. Krishna machte die Verwirklichung des Obermentals mit seiner statischen und dynamischen Seite möglich. Buddha versuchte, vom Mental über das nirvāṇa zum Höchsten zu gelangen, genauso wie Shankara auf andere Weise nach ihm. Beide waren sich darin einig, die anderen Stadien zu überspringen und zu versuchen, ein namenloses und eigenschaftsloses Absolutes zu erreichen. Krishna dagegen blieb innerhalb des gewöhnlichen Verlaufs der Evolution. Der nächste übliche Schritt führt nicht zum eigenschaftslosen Absoluten, sondern zum Supramental. Ich vermute, dass Buddha und Shankara zu weit gingen und den Fehler machten, die dynamische Seite der Befreiung außer acht zu lassen. Daher muss die Richtigstellung durch Kalki kommen.

Ich behandelte natürlich die zehn avatāra in der Form eines “Gleichnisses der Evolution” und deutete sie unter diesem Gesichtspunkt. Es war nicht meine eigene Auffassung.

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Man sollte den Einzelheiten um Kalki keine zu große Wichtigkeit beimessen – sie sind eher symbolisch zu betrachten und nicht als V ersuch, Einzelheiten der künftigen Geschichte zu prophezeien. Etwas, das kommen muss, wird zum Ausdruck gebracht, es wird jedoch nur symbolisch angedeutet – nichts sonst.

Ebenso sollte man auf die genauen Zahlen der yugas in den Puranas nicht zuviel Gewicht legen. kāla [die essentielle Zeit] und yuga [das Zeitalter] deuten die aufeinanderfolgenden Zeitspannen im zyklischen Kreislauf der Evolution an – vollkommener Zustand, Niedergang und Desintegration von einander folgenden Menschheitsaltern, denen ein neues Werden folgt –, die mathematischen Kalkulationen sind nicht das wichtige Element dabei. Die Behauptung, das Ende des kali yuga sei bereits gekommen oder würde kommen und ein neues satyayuga sei im Begriff anzubrechen, ist bekannt, und viele glauben daran.

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Ich ging von der Reihenfolge der avatāra in den Puranas aus und deutete sie in Form einer Parabel der Evolution, um zu zeigen, dass die Idee der Evolution in der Lehre von den avatāra unausgedrückt enthalten ist. Ob man Buddha als avatār anerkennt oder lieber andere an seine Stelle setzen würde (manchmal wird der Buddha durch Balarama ersetzt), ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die buddhistischen Jatakas sind Legenden über die vergangenen Inkarnationen des Buddha; oft enthalten sie eine Lehre, sie sind aber kein Bestandteil der hinduistischen Überlieferung. Für die Buddhisten war Buddha ganz und gar kein avatār, er war die Seele, welche die Leiter der spirituellen Evolution emporklimmt, bis sie das letzte Stadium der Befreiung erreicht hat; durch den hinduistischen Einfluss entstand dann im Buddhismus die Vorstellung eines ewigen Buddha darüber – es war jedoch keine universale oder grundlegend buddhistische Idee. Die Frage, ob das Göttliche, wenn es seine Avatarschaft manifestiert, wählen kann, der Evolution von der niedersten Stufe an zu folgen und sich auf jeder Stufe als vibhūti zu manifestieren, braucht nicht unbedingt verneint zu werden. Wenn wir die evolutionäre Idee anerkennen, ist so etwas durchaus möglich.

Auch wenn sich die Lehre Buddhas von der Krishnas unterscheidet, bedeutet das nicht, dass sein Erscheinen in der spirituellen Evolution nicht erforderlich war. Die einzige Frage ist, ob es tatsächlich des Versuches bedurfte, die Höhen eines absoluten nirvāṇa an der Verneinung des kosmischen Daseins zu messen, wenn man berücksichtigt, dass man den Höchsten zu erreichen vermag, indem man sowohl dem neti neti1 als auch dem iti iti-Weg2 folgt.

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Buddha bejahte praktisch etwas Nicht-Erkennbares, etwas Bleibendes und Nichtmanifestes. Der Advaita tut das gleiche. Buddha sagte niemals, dass er der avatar eines persönlichen Gottes, sondern dass er der Buddha sei. Die Hindus waren es, die ihn zu einem avatār machten. Hätte sich der Buddha überhaupt als avatār betrachtet, dann als der avatar der unpersönlichen Wahrheit.

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Es ist mir nicht bekannt, dass es, historisch betrachtet, noch einen anderen Buddha gegeben haben könnte. Es sind, glaube ich, die Vaishnava-Puranas, in denen die Reihenfolge der avatāra festgelegt ist, denn es sind gemäß dem Purana alles Vishnu-avatāra. Die letzte und allgemeine Anerkennung mag nach Shankaras Lebzeiten stattgefunden haben, als die buddhistisch-Brahmanische Kontroverse nicht mehr aktuell war. Eine gewisse Zeit bestand die Tendenz, Balaramas Name an die Stelle desjenigen von Buddha zu setzen oder zu erklären, dass der Buddha ein avatār Vishnus wäre, dass er aber gekommen sei, um die asuras zu täuschen. In der Geschichte von Mayamoha im Vishnu-Purana wird ganz offensichtlich auf ihn angespielt.

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Wenn ein Göttliches Bewusstsein und eine Göttliche Kraft herabkamen und durch die Persönlichkeit, die wir Buddha nennen, ein großes Werk für die Welt verrichteten, dann kann der Buddha ein avatār genannt werden – seine tapasyā und das Erlangen der Erkenntnis sind nur ein Nebenumstand der Manifestation.

Wenn andererseits der Buddha nur ein menschliches Wesen war wie viele andere auch, die einiges Wissen erlangten und es verkündeten, dann war er kein avatār – denn solche gab es Tausende, und sie können nicht alle avatāra gewesen sein.

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Krishna ist nicht das supramentale Licht. Die Herabkunft Krishnas ist als die Herabkunft der Obermental-Gottheit zu sehen, wodurch, wenn auch nicht unmittelbar, die Herabkunft des Supramentals und des ānanda vorbereitet wurde. Krishna ist der ānandamaya; er stützt die Evolution durch das Obermental und führt sie dem Ananda entgegen.

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Man kann das Haupt einer spirituellen Organisation oder der Messias einer Religion oder ein avatār sein, ohne in diesem Leben das Supramental oder etwas jenseits davon zu erreichen.

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Yuge, yuge3 kann in einem allgemeinen Sinn gebraucht werden, so wie es sich im Englischen “von Zeitalter zu Zeitalter” ausdrückt, und braucht sich technisch nicht auf das festgelegte yuga der puranischen Berechnung zu beziehen. Doch in bahūni4 kommt etwas zum Ausdruck, das sich auf sehr viele Leben bezieht, besonders wenn es mit tava ca verbunden ist. Dann allerdings können die vielen Leben nicht alle volle Inkarnationen gewesen sein – viele waren vielleicht nur vibhūti-Leben, die eine Inkarnation mit einer anderen verbunden haben. Darüber, ob ihn Arjuna tatsächlich in jedem Leben begleitete, wird nichts gesagt, doch dürfte es unwahrscheinlich sein – in vielen vielleicht.

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Jedes Wesen schafft sich in einem neuen Dasein ein neues Mental, Leben (Vital) und einen neuen Körper – andernfalls wäre John Smith immer John Smith und hätte keine Möglichkeit, Piyusha Kantu Ghose zu werden. Natürlich sind innerlich die alten Persönlichkeiten vorhanden, die zu dem neuen Leben beitragen – doch ich meine die neue, sichtbare Persönlichkeit, den äußeren Menschen, mental, vital, physisch. Das seelische Wesen ist es, das die Verbindung von Leben zu Leben aufrechterhält und die gleiche Person immer wieder manifestiert. Daher kann man auch annehmen, dass sich der avatar jedes mal eine neue Persönlichkeit schafft, eine Persönlichkeit, die der anderen Zeit, Arbeit und Umgebung angepasst ist. Ich bin jedoch der Meinung, dass die neue Persönlichkeit eine Reihe von avatār-Leben hinter sich hat, Leben, die der dazwischenliegenden Evolution folgten und sie von Zeitalter zu Zeitalter stützten.

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Ich vermute, nur sehr wenige Menschen erkannten in Krishna den avatār – ganz sicher war es kein allgemeines Erkennen. Zu den wenigen braucht man die, die ihm am nächsten standen, nicht zu zählen, denn es waren keine sehr bedeutenden Menschen, wie Vidura usw.

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Die Menschen um Krishna waren offenbar die gleichen wie andere auch. Sie sprachen und handelten wie Menschen unter Menschen und wurden von niemandem als Götter betrachtet. Krishna selbst wurde von den meisten als Mensch angesehen – nur wenige verehrten ihn als das Göttliche.

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Ein avatār ist, allgemein gesprochen, jemand, der sich der Gegenwart und Macht des ihm eingeborenen oder in ihn herabgekommenen Göttlichen bewusst ist, das von innen seinen Willen, sein Leben und sein Tun beherrscht; er fühlt sich innerlich mit dieser göttlichen Macht und Gegenwart identifiziert.

Ein vibhūti verkörpert eine Macht des Göttlichen und ist durch sie fähig, mit großer Kraft in der Welt zu wirken, doch ist sonst nichts notwendig, um ihn zu einem vibhūti zu machen: seine Macht mag sehr groß sein, sein Bewusstsein jedoch ist nicht das einer eingeborenen oder innewohnenden Göttlichkeit. Dies ist die Unterscheidung, wie sie die Gita macht, welche die größte Zuständigkeit auf diesem Gebiet besitzt. Wenn wir diese Unterscheidung anerkennen, können wir den Berichten zufolge behaupten, dass Rama und Krishna avatāra waren; Buddha figurierte als solcher, aber mit einem unpersönlicheren Bewusstsein der Macht in ihm. Ramakrishna meinte das gleiche Bewusstsein, wenn er von Ihm sprach, der Rama oder Krishna in ihm war. Chaitanyas Fall aber liegt anders: denn den Berichten zufolge fühlte und erklärte er sich gewöhnlich als bhakta Krishnas und als nichts sonst; in seinen großen Augenblicken jedoch manifestierte er Krishna, sein Mental und sein Körper leuchteten und er wurde Krishna selbst, der als Gott sprach und handelte. Seine Zeitgenossen sahen in ihm einen avatār Krishnas, eine Manifestation der Göttlichen Liebe.

Shankara und Vivekananda waren mit Sicherheit vibhūtis, höher können sie nicht eingeschätzt werden, wenngleich sie sehr große vibhūtis waren.

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Es war nicht meine Absicht, Chaitanyas Stellung als avatār Krishnas und der Göttlichen Liebe irgendwie in Frage zu stellen. Diese Eigenart der Manifestation geht sehr deutlich aus allen Berichten über ihn hervor, und auch wenn man gelten lässt, was über das zeitweilige Erscheinen Krishnas in ihm berichtet wird, ist dieses Hervorbrechen des göttlichen Glanzes etwas höchst Bemerkenswertes in der Geschichte der avatāra. Was Sri Ramakrishna betrifft, so war die Manifestation in ihm nicht derart intensiv, doch vielseitiger; glücklicherweise ist die Authentizität der Einzelheiten seiner Gespräche und seines Wirkens unanfechtbar, da sie täglich von einem so vertrauenswürdigen Beobachter, wie es Mahendra Gupta war, niedergeschrieben wurden. Ich möchte zwischen diesen beiden großen spirituellen Persönlichkeiten keinen Vergleich anstellen, beide übten einen außergewöhnlichen Einfluss aus und taten Größtes in ihrem Bereich.

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Ramakrishna schrieb niemals eine Autobiographie – was er sagte war in Form einer Unterhaltung mit seinen Jüngern und anderen. Doch mit Bestimmtheit war er mindestens ebensosehr ein avatār wie Christus oder Chaitanya.

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Mohammed würde von sich aus die Vorstellung, ein avatar zu sein, abgelehnt haben, daher müssen wir ihn als den Propheten, das Instrument, den vibhūti betrachten. Christus verwirklichte sich als der Sohn, der eins mit dem Vater ist – er muss daher ein aṃśāvatāra, eine Teilinkarnation gewesen sein.

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Leonardo da Vinci enthielt in sich das neue Zeitalter Europas in seiner ganzen Vielseitigkeit. Die Frage einer Avatarschaft oder des Bewusstseins einer Herabkunft oder des Drucks spiritueller Kräfte erhob sich bei ihm nicht. Mystizismus gehörte nicht zu dem, was er zu manifestieren hatte.

***

II

Das Phänomen des avatāras hat zwei Seiten, das Göttliche Bewusstsein und die ausführende Persönlichkeit. Das Göttliche Bewusstsein ist allmächtig, es hat aber die ausführende Persönlichkeit in der Natur unter den Bedingungen der Natur hervorgebracht und gebraucht sie entsprechend den Regeln des “Spiels” – manchmal allerdings verändert es auch die Regeln des “Spiels”. Wenn Avatarschaft nur ein aufleuchtendes Wunder ist, kann ich nichts damit anfangen. Wenn sie dagegen fester Bestandteil der Ordnung des allmächtigen Göttlichen in der Natur ist, kann ich sie verstehen und akzeptieren.

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Ich sagte, dass der avatār jemand ist, der der Menschheit den Weg zu einem höheren Bewusstsein ebnet – wenn niemand diesem Weg zu folgen vermag, dann fassen wir die ganze Sache entweder falsch auf – und auch die von Christus, Buddha und Krishna –, oder das Leben des avatāras ist sinnlos. X scheint der Ansicht zu sein, es gäbe keinen Weg und keine Möglichkeit, dem avatār zu folgen, und seine Kämpfe und Leiden seien unwirklich und unsinnig – jemand, der das Göttliche verkörpert, hätte es nicht nötig, hier zu kämpfen. Eine solche Auffassung lässt die ganze Idee des avatāras widersinnig erscheinen, denn es bestünde demnach für sein Dasein keine Notwendigkeit, und dieses hätte auch keinen Sinn; das Göttliche, das allmächtig ist, könnte die Menschen erheben ohne sich damit abzugeben, auf die Erde herabzukommen. Die Avatarschaft aber hat nur dann einen Sinn, wenn es [das Göttliche] ein Teil der Weltordnung ist, wenn es die Bürde der Menschheit auf sich nimmt und ihr den Weg auftut.

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Man erwartet von einem avatār nicht, dass er in einer nichtmenschlichen Weise handelt – er nimmt das menschliche Tun an und gebraucht menschliche Methoden mit dem menschlichen Bewusstsein im Vordergrund und dem göttlichen dahinter. Wenn er dies nicht täte, hätte sein Annehmen eines menschlichen Körpers keine Bedeutung, und es wäre für niemanden: von Nutzen. Er hätte genausogut oben bleiben und die Dinge von dort aus tun können.

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Was das Göttliche und Menschliche anbelangt, so ist auch dies ein vom Mental geschaffenes Problem. Das Göttliche ist im Menschen, und der Mensch, der das Ziel seiner höchsten Bestrebungen und Neigungen erreicht und überschreitet, wird zum Göttlichen. Das ist es, was du in deiner Niedergeschlagenheit nicht verstehen konntest – nämlich, dass das herabkommende Göttliche die Bürde der Menschheit auf sich nimmt, um über sie hinauszuwachsen – es wird menschlich, um der Menschheit zu zeigen, wie man göttlich wird. Mit einem Schwächling jedoch, ohne die göttliche Gegenwart in sich oder die göttliche Kraft hinter sich, wäre dies nicht möglich – er muss stark sein, um seine Stärke in alle zu verströmen, die willens sind, sie zu empfangen. In ihm ist daher ein doppeltes Element – das menschliche im Vordergrund, das göttliche dahinter –, und das ist es, was den Eindruck der Unergründlichkeit hervorruft, über den du dich beschwerst. Wenn du allein das Menschliche betrachtest und wenn du es nur mit dem äußeren Auge betrachtest und nicht willens oder bereit bist, etwas anderes zu sehen, wirst du lediglich das menschliche Wesen erkennen, wenn du aber nach dem Göttlichen Ausschau hältst, wirst du das Göttliche finden.

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Es stimmt, für den begrenzten menschlichen Verstand ist es unmöglich, den Weg oder das Ziel des Göttlichen zu beurteilen – es ist der Weg des Unendlichen; das sich mit dem Endlichen auseinandersetzt.

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Du kannst nicht hoffen durch dein Mental das Göttliche und sein Wirken zu begreifen; dies ist nur dann möglich, wenn sich ein wahres und göttliches Bewusstsein in dir entfaltet. Wenn das Göttliche in seiner Herrlichkeit sich enthüllt und offenbart, könnte das Mental seine Gegenwart zwar fühlen, es würde aber nicht sein Wirken oder sein Wesen verstehen. Im Maße deiner eigenen Verwirklichung und durch die Geburt und das Wachsen jenes größeren Bewusstseins in dir wirst du auch hinter seinen weltlichen Verhüllungen das Göttliche erkennen und sein Wirken verstehen.

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Ein avatār oder ein vibhūti hat das Wissen, das für seine Arbeit notwendig ist, mehr braucht er nicht zu haben. Es bestand absolut kein Grund, warum der Buddha hätte wissen müssen, was in Rom vor sich ging. Ein avatār manifestiert nicht einmal das ganze göttliche Allwissen und die göttliche Allmacht; für ein derartig unnötiges Zur-Schau-Stellen ist er nicht gekommen: all dies ist im Hintergrund, doch nicht im Vordergrund seines Bewusstseins vorhanden. Was den vibhūti anbelangt, so braucht er nicht einmal zu wissen, dass er eine Macht des Göttlichen ist. Einige vibhūtis, wie zum Beispiel Julius Cäsar, waren Atheisten. Auch der Buddha glaubte an keinen persönlichen Gott, nur an ein unpersönliches und unbeschreibbares Bleibendes.

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Die menschliche Art, die Dinge richtig zu machen, erfolgt über eine klare Verbindung mit dem Mental; die Menschen sehen und handeln auf mentale Weise, und was sie erreichen wollen, ist eine mentale und menschliche Vollkommenheit. Wenn sie an eine Manifestation der Gottheit denken, denken sie an eine außergewöhnliche Vervollkommnung in der Verrichtung von gewöhnlichen menschlichen Dingen – einen außergewöhnlichen Geschäftssinn, eine außergewöhnliche poetische, politische oder künstlerische Begabung oder ein genaues Gedächtnis, das ohne Fehl ist und nicht versagt oder aussetzt. Oder aber sie denken an solche Dinge, die sie übermenschlich nennen, zum Beispiel ohne Nahrung zu leben, die Zukunft zu weissagen, auf Nägeln zu schlafen oder diese zu essen. All dies hat nichts mit der Manifestation des Göttlichen zu tun. Solche menschlichen Vorstellungen sind falsch.

Die Gottheit handelt gemäß einem anderen Bewusstsein, dem Bewusstsein der Wahrheit darüber und der līlā darunter, und sie handelt den Erfordernissen der lila entsprechend und nicht so wie die Menschen meinen, dass sie handeln sollte oder nicht. Dies ist das erste, was man begreifen muss, andernfalls vermag man die Manifestation des Göttlichen nicht zu verstehen.

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Wenn das Göttliche nicht grundlegend allmächtig wäre, wäre es überhaupt nicht allmächtig – weder im Supramental noch sonstwo. Durch die Tatsache, dass es zustimmt, sein Tun durch Bedingungen zu begrenzen oder zu determinieren, wird es nicht weniger allmächtig. Seine Selbstbegrenzung als solche ist ein Akt der Allmächtigkeit.

Warum sollte das Göttliche an den Erfolg seines Wirkens gebunden sein? Vielleicht ist ihm der Misserfolg lieber, da er dem höchsten Zwecke besser dient? Was für starre, primitive Vorstellungen vom Göttlichen du doch hast!

Gewisse Bedingungen wurden für das “Spiel” geschaffen, und solange diese Bedingungen sich nicht ändern, können bestimmte Dinge nicht stattfinden – daher sagen wir, sie sind unmöglich und können nicht getan werden. Werden die Bedingungen aber verändert, dann können diese Dinge geschehen oder werden zumindest nach den sogenannten Gesetzen der Natur zulässig oder möglich – dann sagen wir, dass sie getan werden können. Auch das Göttliche wirkt unter den Bedingungen des “Spiels”. Es kann sie verändern und muss sie zuerst verändern und nicht etwa die Bedingungen beibehalten und durch eine Reihe von Wundern wirken.

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Wenn avatāra Scharlatane sind, haben sie weder für andere einen Wert noch eine echte Wirkung – die Avatarschaft wird dann etwas vollkommen Irrationales, Unwirkliches und Sinnloses. Das Göttliche braucht nicht für sich zu leiden oder zu kämpfen; wenn es diese Dinge auf sich nimmt, dann deshalb, um die Weltbürde zu tragen und der Welt und den Menschen zu helfen; und wenn Leiden und Kämpfe irgendeine Hilfe sein sollen, müssen sie echt sein, so echt wie die Kämpfe und Leiden der Menschen selbst – Scharlatanerie oder Falschheit vermögen nicht zu helfen. Das Göttliche erträgt sie und weist gleichzeitig den Weg, sie zu überwinden. Andernfalls hätte sein Auf-sich-Nehmen der menschlichen Natur keine Bedeutung, keinen Nutzen, keinen Wert. Es ist sinnlos, das Phänomen des avatāras anzuerkennen und ihm gleichzeitig jeglichen Sinn zu nehmen.

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Dein Argument läuft darauf hinaus, dass die Lebenstaten und Kämpfe des avatāras (zum Beispiel von Rama oder Krishna) unwirklich sind, da er als das Göttliche weiß, dass alles māyā ist; doch auch im Menschen ist ein Selbst, ein Spirit, unsterblich, unberührt, göttlich; man kann sagen, dass auch die Leiden und Unwissenheit des Menschen nur eine Maske, ein Trug und eine Unwirklichkeit sind. Was aber, wenn der Mensch sie als wirklich empfindet und wenn der avatār seine Arbeit und Schwierigkeiten als echt und wirklich empfindet?

Wenn das Vorhandensein der Göttlichkeit keinen praktischen Nutzen hat, welchen Wert hätte dann eine theoretische Anerkennung? Die Manifestation des Göttlichen im avatār ist deshalb eine Hilfe für den Menschen, da sie ihn dahin führt, seine eigene Göttlichkeit zu entdecken und den Weg zu ihrer Verwirklichung zu finden. Wenn der Unterschied [zwischen dem Menschen und dem Göttlichen] so groß ist, dass die Menschheit aufgrund ihrer ureigentlichen Natur keine Möglichkeit hat, dem Weg, den der avatār weist, zu folgen, so heißt das nichts anderes, als dass es keine Göttlichkeit im Menschen gibt, die auf die Göttlichkeit im avatār zu reagieren vermag.

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Ich wiederhole, wenn das Göttliche die Bürde der Erdnatur auf sich nimmt, tut es dies voll und wahrhaft und aufrichtig, ohne täuschende Tricks und Vorwände. Das, was hinter ihr [ihrer menschlichen Erscheinungsform] steht und immer aus den Umhüllungen hervorbricht, ist essentiell das gleiche, wenn auch größer in seinem Ausmaß, als das, was hinter den Menschen steht – und um dies in ihnen zu erwecken, ist es gekommen.

Das seelische Wesen wirkt in gleicher Weise in allen, die für den spirituellen Weg bestimmt sind und dem nicht nur außergewöhnliche Wesen folgen können. Das ist dein Irrtum zu glauben, dass nur große Menschen spirituell sein können.

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Deine kritischen Bemerkungen über Rama haben mich erstaunt. Feigheit ist eigentlich das letzte, dessen man Valmikis Rama bezichtigen kann; er wurde immer als ein Krieger angesehen, und es waren die “kriegerischen Geschlechter” Indiens, die ihn zu ihrem Gott erhoben. Valmiki schildert ihn durchweg als einen großen Kämpfer. Dass er List gegen einen untermenschlichen Gegner anwandte, beweist nicht das Gegenteil, denn das taten die Menschen immer (selbst große Krieger und Jäger), wenn sie sich mit dem Untermenschlichen auseinanderzusetzen hatten. Es war vermutlich Madhusudan, der Valmikis Held in bengalischen Augen herabsetzte und ihn als eine armselige Marionette brandmarkte; doch das ist nicht der authentische Rama, der – man sage, was man will – eine große epische Gestalt war, avatār oder nicht avatār. Was die konventionelle Moral anbelangt – jede Moral ist eine Konvention, und der Mensch kann ohne Konventionen nicht leben, ob sie mental oder moralisch sind; er würde sich andernfalls in der wogenden See der anarchischen Kräfte seiner vitalen Natur verloren fühlen. Selbst die Russels und Bernhard Shaws können zu keiner anderen Lösung kommen, als eine neue Art von Konventionen an die Stelle jener zu setzen, die sie zur Strecke brachten. Nur wenn man sich über das Mental erhebt, vermag man wirklich über die Konvention hinauszugelangen – Krishna war hierzu in der Lage, da er kein mentales Wesen war, sondern eine obermentale Gottheit, die frei aus einem größeren Bewusstsein als dem des Menschen handelte. Rama konnte es nicht – er war der avatar des sattvischen Mentals, emotional, moralisch –, und er gehorchte dem dharma seines Zeitalters und Volkes. Das mag ihn temperamentsmäßig in eine Art Geistesverwandtschaft mit Gandhi bringen und in einen Gegensatz zu dir; doch ebenso wie Gandhis temperamentsbedingtes Zurückweichen vor Krishna nicht beweist, dass Krishna kein avatār war, so beweist dein temperamentsbedingtes Zurückweichen vor Rama ebensowenig, dass dieser kein avatar war. Nichtsdestoweniger behaupte ich, dass Avatarschaft überhaupt nichts mit solchen Fragen zu tun, sondern eine andere Grundlage, einen anderen Sinn und Zweck hat.

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Ich habe nicht die Absicht, mich auf eine höchste Rechtfertigung Ramas einzulassen – ich erwähnte die Ereignisse um Bali usw. nur deshalb, da sie meist angeführt werden, um Rama als große Persönlichkeit herabzusetzen. Doch vom Gesichtspunkt der Avatarschaft aus betrachtet, würde ich keinesfalls daran denken, seine moralische Vollkommenheit in moderner Sicht zu verteidigen, wie ich ebensowenig daran denke, Napoleon oder Cäsar gegenüber den moralischen oder demokratischen Kritiken oder Kritikern zu verteidigen, um zu beweisen, dass sie vibhūtis waren. vibhūti, avatāra sind Ausdrücke mit eigener Bedeutung und eigenem Anwendungsbereich und haben mit Moralität oder Immoralität, mit Vollkommenheit oder Unvollkommenheit, gemessen am kleinen menschlichen Maßstab, nichts zu tun, und ebensowenig damit, der Menschheit ein Beispiel zu sein oder eine neue demokratische Richtlinie aufzuzeigen oder eine neue spirituelle Lehre zu verkünden. All dies kann sein oder auch nicht sein, mit der eigentlichen Sache aber hat es ganz und gar nichts zu tun.

Auch deine Art, sich mit der menschlichen Persönlichkeit Ramas auseinanderzusetzen, sehe ich nicht als richtig an. Sie muss als Ganzes und in dem Rahmen betrachtet werden, den Valmiki ihr gab (und nicht wie die Geschichte eines modernen Menschen), man muss die Bedeutung erkennen, die der Person, den Taten und den Werken von Valmikis Helden zugrundeliegt Sobald man all dies aus dem Zusammenhang reißt und unter dem Seziermesser des modernen ethischen Mentals analysiert, verliert es sofort seinen ganzen Sinn. Krishna, auf diese Weise betrachtet, wird zu einem Schwelger und Schwindler, der lediglich in der Politik Großes geleistet hat – das aber tat Rama ebenso als Krieger. Wenn du Achilles und Odysseus auf ähnliche Weise ihres Hintergrundes beraubst, wird aus dem einen ein wütender, egoistischer Rohling und aus dem anderen ein grausamer und listiger Rohling. Was mich anbelangt, so fühle ich gleichsam die Verpflichtung, den Geist, den Sinn und die Atmosphäre des Mahabharata, der Iliad, des Ramayana in mich aufzunehmen und mich mit dem jeweiligen Zeitgeist zu identifizieren. Dann erst vermag ich zu fühlen, was, abgesehen von den Einzelheiten ihrer äußeren Taten, ihre Helden tatsächlich waren.

Ich sehe in Rama deshalb einen avatār, da er – und wie mir scheint zu Recht – in dem [evolutionären] Schema einen Platz füllt und weil ich, wenn ich das Ramayana lese, ein mächtiges Strömen spüre, das ich erkenne und das aus der Erzählung – ein bloßes Märchen wie es scheint – die Parabel eines großen kritischen Übergangsereignisses der Erdevolution macht; dies gibt der Person des Hauptcharakters und ihren Taten eine Bedeutung von weitem und typisch kosmischem Ausmaß, die sie nicht gehabt hätten, wenn sie von jemand anderem in einem anderen Ablauf von Ereignissen verrichtet worden wären. Der avatār ist nicht dazu verpflichtet, außergewöhnliche Taten zu tun, er ist aber verpflichtet, seinen Taten oder seiner Arbeit oder dem, was er ist – einem oder allen zusammen – eine Bedeutung und auslösende Kraft zu verleihen, die für das, was in der Geschichte der Erde und ihrer Völker zu geschehen hat, wesentlich ist. Immerhin, sollte jemand meine Auffassung nicht teilen und Rama von seinem Platz vertreiben wollen, so habe ich nichts dagegen einzuwenden – ich habe keine besondere Vorliebe für Rama –, vorausgesetzt, dass jemand gefunden werden kann, der seine Stelle rechtmäßig vertritt...

Ich habe auch nicht die Absicht, die Gόltigkeit deiner Bemerkungen όber Rama anzuerkennen, auch nicht als Teilkritik, vielmehr habe ich heute keine Zeit mehr. Ich halte jedoch meinen Standpunkt zur Tφtung Balis5 aufrecht, trotz seines anfänglichen Einspruchs gegen das Vorgehen, den er dann widerrief, und ebenso zur Verbannung Sitas, trotz der Meinung von Ramas Familie – der notwendigerweise der Standpunkt des antiken dharmas ist, nicht aber der irgendeiner universalen moralischen Ethik, die es, nebenbei bemerkt, nicht gibt, da sich Derartiges entsprechend dem jeweiligen Land oder Zeitalter verändert.

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Nein, sicher nicht, ein avatar braucht ganz und gar kein spiritueller Prophet zu sein – im Grunde ist er niemals ausschließlich ein Prophet, sondern jemand, der etwas verwirklicht oder gründet, doch nicht nur etwas Äußeres – obwohl er auch etwas im Äußeren verwirklichen kann –, sondern wie ich sagte auch etwas Essentielles und Grundlegendes, das für die Erdevolution erforderlich ist, jene stufenweise Evolution des Spirits auf das Göttliche hin. Es war ganz und gar nicht Ramas Aufgabe, das spirituelle Stadium jener Evolutionsphase einzuleiten, daher befasste er sich damit auch nicht. Seine Aufgabe war vielmehr, Ravana zu vernichten und das rāmarājya [das Königreich Ramas, das ideale Königreich] zu gründen, in anderen Worten, für die Zukunft die Möglichkeit einer Weltordnung zu schaffen, die dem sattvisch-zivilisierten Menschen gerecht wird, dessen Leben von der Vernunft und den feineren Gefühlen gelenkt wird, von der Moral oder zumindest von moralischen Idealen, wie Wahrheit, Gehorsam, Zusammenarbeit, Harmonie und dem Sinn für häusliche und öffentliche Ordnung; all dies in einer Welt zu festigen, die noch von anarchischen Kräften beherrscht wurde, vom Tier-Mental und den Mächten des vitalen Egos, dessen Lebensregel die eigene Befriedigung ist, das heißt in der Welt des vānara [Affen] und rākṣasa. Hierin liegt die Bedeutung Ramas und seines Lebenswerkes, und in dem Maße, wie er sie erfüllte oder nicht erfüllte, muss er als avatār oder nicht-avatār angesehen werden. Seine Aufgabe war nicht, die Rolle des ritterlichen kṣatriya gegenüber der gewaltigen und rohen Bestie Bali zu spielen, vielmehr ihn zu töten und das Tier in seine Macht zu bekommen. Es war seine Aufgabe, nicht notwendigerweise ein vollkommener, sondern ein umfassend repräsentativer sattvischer Mensch zu sein, ein treuer Gatte und Liebhaber, ein liebender und gehorsamer Sohn, ein zärtlicher und vollkommener Bruder, Vater, Freund – und ist er nicht tatsächlich der Freund aller Arten von Menschen, Freund des Ausgestoßenen Guhaka, Freund von Sugriva und Hanuman, den Anführern der Tiere, Freund des Geiers Jatayu, ja sogar Freund des rākṣasa Vibhishana? All dies war er in einer glänzenden, überzeugenden, und vor allem spontanen und zwingenden Art, nicht diese oder jene Seite betonend, wie Harishchandra oder Shivi, sondern mit einer bestimmten harmonischen Vollständigkeit: Vor allem aber war es seine Aufgabe, jene Dinge zu verkörpern und zu gründen, auf denen die soziale Idee und ihre Stabilität beruht, Wahrheit und Ehre, die Anerkennung des dharma, der Sinn für das Gemeinwohl und die Ordnung. Diesem ersteren, der Wahrheit und Ehre, ungleich mehr als seiner Sohnesliebe und Gehorsamspflicht gegenüber dem Vater – obwohl auch das –, opferte er seine persönlichen Rechte als der Erwählte des Königs und der Versammlung sowie vierzehn seiner besten Jahre, um das Exil in den Wäldern auf sich zu nehmen. Seinem Sinn für die Gemeinschaft und ihre Ordnung (die größte und höchste bürgerliche Tugend in den Augen der alten Inder, Griechen und Römer, denn zu jener Zeit war die Erhaltung der geordneten Gemeinschaft und nicht die gesonderte Entwicklung und Befriedigung der Individualität das dringende Erfordernis der menschlichen Evolution) opferte er sein Glück und häusliches Leben und ebenso Sitas Glück. Hierin entsprach er dem Moralgefühl aller antiken Völker, doch nicht der späteren romantischen und individualistisch-sentimentalen Moralauffassung des modernen Menschen, der sich gerade deshalb eine weniger strenge Moral leisten kann, weil seine Vorfahren die Individualität zugunsten einer sicheren Welt mit dem Sinn für soziale Ordnung opferten. Und endlich war es Ramas Aufgabe, indem er die Oberherrschaft Ravanas, die Bedrohung durch den rākṣasa, vernichtete, die Welt für das Ideal des sattvischen Menschen zu sichern. Seine Person und sein Tun waren mit solch göttlicher Begeisterung erfüllt, dass seine Gestalt über mehr als zweitausend Jahre hinweg den Geist der indischen Kultur prägte; und das, wofür er sich einsetzte, hat die Vernunft und das idealisierende Mental des Menschen in allen Ländern beherrscht – trotz des ständigen Aufbegehrens des menschlichen Vitals –, und es wird vermutlich fortbestehen, bis sich ein höheres Ideal abzeichnet. Und trotz all dem sagst du, dass er kein avatār gewesen sei. Ganz wie du willst – doch zumindest befindet er sich unter den wenigen der größten vibhūtis. Du magst ihn jetzt entthronen, denn der Mensch ist mit dem sattvischen Ideal nicht länger zufrieden und und sucht nach etwas Neuem, doch Ramas Werk und Bedeutung prägten die Vergangenheit der sich entwickelnden Erdrasse. Wenn ich von einer Lücke sprach, die durch seine Abwesenheit entstehen würde, meinte ich keine Lücke unter den Propheten und Intellektuellen, sondern eine Lücke in der Folge der avatāra. Wer sonst hätte der avatār des sattvischen Menschen sein sollen, so wie Krishna der avatār des obermentalen Übermenschen war – ich vermag niemanden außer Rama zu erkennen, der diesen Platz hätte einnehmen können. Spirituelle Lehrer und Propheten (auch Intellektuelle, Wissenschaftler, Künstler, Dichter usw.) sind große vibhūtis, doch keine avatāra. Denn dann wären auf jeden Fall alle Religionsgründer avatāra – Joseph Schmidt (so heißt er doch) von den Mormonen, Pranz von Assisi, Calvin, Loyola und eine Menge andere, auch Christus, Chaitanya oder Ramakrishna.

Über den Glauben, über Wunder und Bijoy Goswami bei anderer Gelegenheit! Ich wollte nur soviel über Rama sagen – es war aber mehr ein Hinweis und nicht eigentlich das, was ich über das allgemeine Prinzip des avatāras ausdrücken wollte.

Außerdem ist es nicht, wie ich hinzufügen möchte, eine vollständige oder höchste Rechtfertigung Ramas. Hierzu müßte ich etwas über die Bedeutung des Ramayana schreiben, ich müßte Valmikis Darstellung seiner Hauptcharaktere würdigen (keiner von ihnen ist ein musterhaftes Vorbild, es sind jedoch große Männer und Frauen mit den Fehlern und Vorzügen der menschlichen Natur, wie sie bei allen Menschen zu finden sind, selbst bei den größten), und ich müßte aufzeigen, wie die Gottheit hinter der frontalen und instrumentalen Persönlichkeit Ramas jedes Ereignis seines Lebens als einen notwendigen Schritt des zu Geschehenden ausgearbeitet hat. Über den weinenden Rama schrieb ich bereits in meinem anderen, nicht beendeten Brief. Du zwingst das härtere und kältere nordische Ideal dem südlichen Temperament auf, das den Ausdruck der Gefühle, nicht ihre Unterdrückung, als Tugend ansieht. Denke an das Weinen und die Klagen von Achilles, Odysseus und andere große Helden, persische und indische – letztere besonders als Liebhaber!

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Warum hätte Rama nicht kāma [Lust] und prema [Liebe] empfinden sollen? Im alten Indien waren diese beiden zwischen Mann und Frau vereint. Das Verhalten Ramas während der Abwesenheit von Sita entsprach Valmikis dichterischer Auffassung – genau wie der Kalidasas – und in jenen Zeiten der allgemeinen Auffassung, wie sich ein vollendeter Liebhaber in einer derartigen Situation zu verhalten habe. Ob Rama selbst an all dem etwas lag, ist eine andere Frage.

Nun zum avatār, der sich seiner Avatarschaft nicht bewusst ist – das ist durchaus möglich. Die Vaishnavas sehen Chaitanya als avatār an, doch war er sich der Gottheit, die in ihm im Hintergrund verborgen war, nur dann bewusst, wenn sie hervortrat und bei seltener Gelegenheit von ihm Besitz ergriff. Christus sagte: “Ich und mein Vater sind eins”, dennoch sprach und benahm er sich immer so, als würde ein Unterschied zwischen ihnen bestehen. Ramakrishnas frühe Jahre waren die der Gottsuche, in denen er sich seiner Identität nicht bewusst war. Das sind die bekannten religiösen avatāra, die bewusster sein sollten als ein Tatmensch, wie Rama es war. Und was das volle und immerwährende [Göttliche] Bewusstsein anbelangt – aus welchem Grund sollte ein avatār sich offenbaren, außer zum Beispiel bei seltener Gelegenheit einem Arjuna oder einigen wenigen bhaktas oder Jüngern? Es ist Sache der anderen zu erkennen, was er ist; und obwohl er es nicht von sich weist, wenn andere von ihm als “Dem” sprechen, sagt er nicht ständig, vielleicht auch niemals oder nur in seltenen Augenblicken wie in jenem der Gita: “Ich bin Er”.

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Heute Abend keine Zeit für eine erschöpfende Beantwortung deiner erneuten Bemerkungen über Rama! Du bist nur deshalb verwirrt, weil du dich an die modernen Vorstellungen und Maßstäbe von moralischer und spiritueller Vollkommenheit eines avatāras hältst – wohingegen ich vom anderen Standpunkt ausgehe und entschlossen diese modernen menschlichen Richtlinien ablehne. Die alten avatāra waren, außer Buddha, kein Maß der Vollendung, sie waren auch keine spirituellen Lehrer, wenn man von der Gita absieht, die er, wie Krishna sagt, in einem Augenblick übernormalen Bewusstseins sprach, das er unmittelbar danach verlor. Sie waren, um es so auszudrücken, Instrumente eines göttlichen Eingreifens, Mittler, die bestimmte Dinge in der Evolution der Erdrasse zu festigen hatten. Hieran halte ich fest und lehne es ab, mich in diesem Punkt irgendeiner anderen Auffassung anzuschließen.

Ich habe nicht gesagt, dass Rama ein verhüllter avatār gewesen sei, sondern habe dir lediglich zwei Alternativen angeboten, von denen die letztere meine tatsächliche Ansicht darstellt; sie gründet sich auf dem Eindruck, den das Ramayana bei mir hinter lässt, nämlich dass Rama seine Avatarschaft durchaus bekannt war, er jedoch nicht darüber sprach – es war nicht seine Aufgabe, das Göttliche zu enthüllen, sondern den mentalen, moralischen und emotionalen Menschen auf Erden gegen die Tier– und rākṣasa-Kräfte zu stärken (nicht ihn hervorzubringen, denn er war bereits vorhanden). Was ich über Chaitanya sagte – der sich mit seinem äußeren Bewusstsein in erster Linie für einen Pandit hielt, dann für einen bhakta und nur gelegentlich für das Göttliche selbst – ist durchaus rational und logisch, wenn du meinem Gedankengang folgst und nicht auf einem hohen, typisch spirituellen Bewusstsein für den avatār beharrst.

Unter einem sattvischen Menschen verstehe ich nicht einen moralischen oder einen immer selbstbeherrschten, sondern einen vorwiegend mentalen (im Gegensatz zu einem vitalen oder nur physischen) Menschen, der zwar rajasische Gefühle und Leidenschaften hat, hauptsächlich jedoch seinem Mental und dessen Willen und Vorstellungen gehorcht. Es gibt vermutlich nichts Derartiges wie einen rein sattvischen Menschen, da die drei guṇas immer in einem Zustand unbeständigen Gleichgewichts zusammenwirken, – doch ein vorwiegend sattvischer Mensch ist so, wie ich es oben beschrieben habe. Diesen Eindruck habe ich von Valmikis Rama, und ich fürchte, er ist von dem deinen ziemlich verschieden. Ich glaube, du hast ein etwas unklares Bild von ihm, du verwischst die Hauptzüge des Charakters, du schmälerst und tilgst alles Lichte, dem Valmiki soviel Wert und Bedeutung beimaß, und hämmerst ständig auf einigen Einzelheiten und Schattenseiten herum in der Meinung, diese seien der eigentliche Rama. So verhalten sich Menschen, die etwas herabsetzen wollen, doch ist eine Gestalt, der man den Nimbus nimmt, nicht die wahre Gestalt.

Im übrigen, ein sattvischer Mensch kann starke Leidenschaften und einen starken Zorn haben – wenn er letzteren entlädt, wird ein Mensch mit der üblichen [vitalen] Bösartigkeit einfach hinweggefegt. Es gibt Augenzeugenberichte über den Ausbruch von Zorn bei Christus, über den Unwillen Chaitanyas – und Erfahrung und Psychologie bestätigen dies allgemein.

Du schilderst Rama als einen unentwickelten Menschen, der entschlossen und spontan gemäß seinem Willen und seiner Idee handelt – dies aber ist kennzeichnend für den kosmischen Menschen und viele vibhūtis, Tatmenschen von großem cäsarischen oder napoleonischen Gepräge.

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Als ich von dem avatār sprach, der sich seiner Avatarschaft nicht bewusst ist, bezog ich mich auf deine Behauptung (nicht auf meine), denn wie könnte es einen nicht-bewussten avatār geben? Meiner Ansicht nach war Rama seine Avatarschaft bekannt, er war sich ihrer bewusst, sprach aber nicht darüber. Was ich sagte war, dass selbst unter der Voraussetzung der Richtigkeit deiner Äußerung der Einwand nicht stichhaltig sei. Ich führte den Fall Chaitanyas und anderer an, da bei ihnen die Tatsachen kaum bestreitbar sind. Chaitanya war im ersten Teil seines Lebens einfach Nimai Pandit und war sich nicht bewusst, irgendetwas anderes zu sein. Dann fand seine Verwandlung statt, und er wurde zum bhakta Chaitanya. Und dieser bhakta schien zeitweilig von der Gegenwart Krishnas besessen gewesen zu sein, sich als Krishna erkannt zu haben, und er sprach und ging und erschien im Licht der Gottheit – und wenn er sich in diesem erhabenen und verwandelten Zustand befand, wurde er von jedem so erkannt und gesehen. Aus diesem Zustand fiel er jedoch zurück in das gewöhnliche Bewusstsein des bhakta und, wie ich in seiner Biographie gelesen habe, lehnte es dann ab, als etwas Höheres betrachtet zu werden. Dies sind, soviel ich weiß, die Tatsachen. Nun denn, was bedeuten sie? War er anfangs nur Nimai Pandit? Es ist deutlich erkennbar, dass es so war und dass die Herabkunft der Gottheit in ihn erst nach seiner Wandlung und spirituellen Veränderung stattfand. Aber war er auch nachher noch, in seinem normalen bhakta-Bewusstsein, der avatār? Sozusagen eine zwischenzeitliche Avatarschaft? Krishna, der zu einer Stippvisite in Chaitanya herabkommt und dann wieder nach oben verschwindet bis es Zeit für den nächsten Besuch ist? Es fällt mir schwer, dies zu glauben. Die rationale Erklärung ist, dass sich hinter dem äußeren Phänomen des avatāras ein Bewusstsein befindet, zuerst verhüllt oder manchmal auch halbverhüllt, welches das der Gottheit ist, und eines im Vordergrund, menschlich oder scheinbar menschlich, auf jeden Fall aber mit allem Anschein der Weltlichkeit, welches die instrumentale [oder ausführende] Person darstellt. In diesem Fall ist es möglich, dass das verborgene Bewusstsein immer vorhanden war, doch für seine Manifestation erst die Wandlung abwartete, und dass es sich bei ihm mit Unterbrechungen manifestierte, da es Chaitanyas Hauptaufgabe war, die spirituelle und seelische bhakti und Liebe im emotional-vitalen Teil des Menschen zu gründen, um das Vital auf die Wende zum Göttlichen hin vorzubereiten – auf jeden Fall, um diese Möglichkeit in der Erdnatur zu festigen. Nicht dass es den emotionalen Typ der bhakti nicht schon vorher gegeben hätte; doch ihre Vollständigkeit, der elan, das Entzücken des Vitals daran hatten sich noch nie derart manifestiert wie in Chaitanya. Doch hätte dies nie stattfinden können, wenn er sich immer im Krishna-Bewusstsein befunden hätte; dann wäre er der Gott gewesen, dem alle ihre bhakti darbringen, nicht aber das höchste Vorbild des göttlichen ekstatischen bhakta. Dennoch zeigte die gelegentliche Manifestation, wer er war, und bezeugte gleichzeitig das mystische Gesetz der Immanenz.

Soweit Chaitanya. Doch angenommen, Chaitanya, sein Bewusstsein im Vordergrund, seine instrumentale Person wäre die ganze Zeit über der avatār gewesen, ohne sich dessen, außer in höchsten Augenblicken, bewusst zu sein, und hätte es sogar geleugnet – diese Annahme, ein wenig zugespitzt, würde die Möglichkeit dafür ergeben, was du einen sich nicht erkennenden avatār nennst, also jemand, dessen verhülltes Bewusstsein unter Umständen nicht hervortritt, sondern die instrumentale Person ständig aus dem Hintergrund bewegt. Das vordergründige Bewusstsein mag sich in seinen inneren Wesensteilen bewusst gewesen sein, dass es nur Instrument von etwas Göttlichem, seinem wirklichen Selbst ist, doch äußerlich würde es denken, sprechen und handeln als wäre es nur das menschliche Wesen, das eine ihm zugewiesene Arbeit mit besonderer Macht und besonderem Glanz verrichtet. Ob es einen derartigen avatār gibt oder nicht, ist eine andere Frage, doch logisch betrachtet ist es durchaus möglich.

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Die Frage, ob nicht gewisse Vollkommenheiten von einer Göttlichen Manifestation [dem avatār] verlangt werden müssen, scheint mir auf die Wirklichkeit nicht anwendbar zu sein. Ich stelle zwei Behauptungen auf, die mir unerlässlich erscheinen, wenn wir nicht jede spirituelle Erkenntnis zugunsten moderner europäischer Ideen über den Haufen werfen wollen: Erstens, die Göttliche Manifestation, selbst wenn sie sich auf mentale und menschliche Weise manifestiert, hat ein Bewusstsein hinter sich, das größer als das Mental und durch die kleinlichen mentalen und moralischen Sitten dieser sehr unwissenden Menschenrasse nicht gebunden ist – diese Maßstäbe also dem Göttlichen auferlegen zu wollen heißt, etwas Irrationales und Unmögliches zu tun. Zweitens, dieses Göttliche Bewusstsein hinter der sichtbaren Persönlichkeit ist grundsätzlich nur an zwei Dingen interessiert – an der Wahrheit über uns und an der līlā hier unten, sowie am Zweck der Inkarnation oder Manifestation; hierfür tut es das Erforderliche, und zwar auf die Art, die sein Bewusstsein, das größer ist als das menschliche, als den erforderlichen und beabsichtigten Weg erkennt. Ich verstehe jedoch nicht, wieso all dies mich daran hindern soll, mentale Fragen zu beantworten. Meiner Meinung nach muss man es tun, wenn es für den göttlichen Zweck notwendig ist. Ich nehme an, dass Sri Ramakrishna Tausende von Fragen beantwortete. Doch die Antworten müssen von der Art sein, wie er sie gab und so wie ich versuche, sie zu geben – Antworten, die von einer höheren spirituellen Erfahrung stammen, von einer tieferen Wissensquelle und nicht etwas, das der logische Intellekt sich mühsam erarbeitet, wobei er versucht, seine Unwissenheit zu koordinieren. Noch weniger kann man die göttliche Wahrheit dem Urteil des Intellektes unterziehen, damit sie von dieser Autorität, der jede hinreichende Zuständigkeit oder Befugnis fehlt, verurteilt oder freigesprochen werde.

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Was meinst du mit Lust? avatāra können verheiratet sein und Kinder haben, was ohne Sex nicht möglich ist; sie können Freundschaften, Feindschaften, Familiengefühle haben usw. usw. – all dies sind vitale Dinge. Ich habe das Gefühl, du bist der Meinung, ein avatār müsse ein Heiliger oder Yogi sein.

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Im Yoga streben wir nicht nach Größe. Es geht nicht um Sri Krishnas Jünger, sondern um das Erdbewusstsein. Rama war ein mentaler Mensch, und in nichts, was er tat, ist ein Anzeichen des Obermental-Bewusstseins zu finden – was er jedoch tat, tat er mit der Größe eines avatāras. Seither hat es Menschen gegeben, die tatsächlich mit den Ebenen über dem Mental in Berührung waren – mit dem höheren Mental, dem erleuchteten Mental, der Intuition. Es ist jedoch sinnlos zu fragen, ob diese “größer” als Rama waren; sie mögen weniger “groß” gewesen sein, sie waren aber fähig, von einer neuen Bewusstseinsebene her zu leben. Und Krishnas öffnen der Obermental-Ebene machte den Versuch, das Supramental zur Erde herabzubringen, möglich.

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Über groß und weniger groß: Ist Capt. John Higgins von der S. S. Mauretania ein größerer Mensch als Christoph Columbus, da er Amerika mühelos in wenigen Tagen erreichen kann? Ist ein Universitätsprofessor der Philosophie größer als Plato, da er Probleme und Systeme erörtern kann, von denen Plato gar nichts wusste? Nein, die Menschheit ist nur zu einer größeren wissenschaftlichen Erkenntnis gelangt, von der jeder, der zur See fährt, Gebrauch machen kann; und sie hat ein umfassenderes intellektuelles Wissen erreicht, das jeder mit philosophischer Schulung gebrauchen kann. Du wirst vielleicht sagen, dass eine größere wissenschaftliche Erkenntnis und ein umfassenderes Wissen keine Bewusstseinsveränderung seien. Durchaus richtig, doch denke an Rama und Ramakrishna! Rama sprach immer von der Ebene des denkenden Verstandes aus, der Allgemeingut der denkenden Menschen ist; Ramakrishna sprach stets von der Ebene einer raschen und leuchtenden spirituellen Intuition aus. Kannst du mir sagen, wer größer ist? Der avatār, den ganz Indien anerkennt? Oder der Heilige und Yogi, den nur seine Jünger und einige andere als avatār erkennen?

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Buddha hatte ein machtvolleres Vital als Ramakrishna, einen gewaltigen Willen und ein unfehlbares Gedächtnis. Wenn er das gewöhnliche Leben geführt hätte, wäre er ein großer Organisator, Eroberer und Gestalter geworden. Daraus, dass ein Mensch zu einer höheren Bewusstseinsebene aufsteigt, folgt nicht notwendigerweise, dass er ein größerer Tatmensch oder dass er schöpferischer ist. Man kann sich zu spirituellen Ebenen der Inspiration erheben, von denen Shakespeare nicht zu träumen gewagt hätte, und dennoch keinen so großen dichterischen Genius wie Shakespeare besitzen. “Größe” ist nicht das Ziel spiritueller Verwirklichung, genausowenig wie Ruhm oder Erfolg in der Welt – wie könnten diese Dinge das Maß spiritueller Verwirklichung sein?

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Die Beantwortung der Frage hängt davon ab, welche Bedeutung wir der spirituellen Erfahrung und den Tatsachen der anderen Bewusstseinsebenen beimessen, die sich von den physischen unterscheiden; und ebenso davon, welcher Art das Verhältnis des kosmischen Bewusstseins zum individuellen und kollektiven Bewusstsein des Menschen ist. Vom Standpunkt der spirituellen und okkulten Wahrheit ist das, was im Bewusstsein des Menschen Gestalt annimmt, eine Widerspiegelung und bestimmte Gestaltung in einem schwierigen Zwischenbereich von Dingen, die an Licht, Macht und Schönheit oder an Kraft und Rang viel größer sind und die zum menschlichen Bewusstsein aus dem kosmischen Bewusstsein gelangen, von dem der Mensch ein begrenzter und in seinem gegenwärtigen Evolutionszustand ein noch unwissender Teil ist. All diese Äußerungen über den Genius der Rasse, über ein Bewusstsein der Nation, das sich seine Götter und deren Gestalt erschafft, sind eine sehr einseitige, ziemlich oberflächliche und in sich irreführende Wahrheit. Das Mental des Menschen ist ursprünglich nicht schöpferisch, es ist ein Mittler; um schöpferisch zu sein, muss es eine initiierende “Inspiration”, eine Übermittlung oder Eingebung aus dem kosmischen Bewusstsein empfangen, und damit tut es dann, was es zu tun vermag. Gott ist, doch des Menschen Vorstellungen von Gott sind Spiegelungen in der menschlichen Mentalität, manchmal des Göttlichen selbst, doch manchmal auch von anderen Wesen und Mächten, die für ihn das sind, was seine Mentalität aus diesen Eingebungen zu machen vermag – meist etwas sehr Einseitiges und Unvollkommenes, solange sie noch mental sind und solange der Mensch noch nicht zu einem höheren und wahreren, einem spirituellen oder mystischen Wissen gelangt ist. Die Götter sind bereits vorhanden und werden nicht vom Menschen erschaffen, obwohl er sie sich in seinem Ebenbild vorzustellen scheint: in Wirklichkeit aber drückt er, so gut er es vermag, soviel Wahrheit über sie aus, wie er von der kosmischen Realität zu empfangen vermag. Ein Künstler oder bhakta kann eine Vision von den Göttern haben, die sich dem Bewusstsein des Volkes einprägen und Allgemeingut werden kann, und in diesem Sinne mag es stimmen, dass der Mensch den Göttern ihre Gestalt gibt; er erfindet aber diese Gestalten nicht, sondern gibt das wieder, was er sieht; die Form, die er gibt, wird ihm gegeben. In der konventionellen Gestalt Krishnas haben die Menschen das verkörpert, was sie von seiner ewigen Schönheit erkennen konnten, und was sie erkannt haben, kann durchaus wahr und schön sein und etwas von seiner Gestalt vermitteln; wenn es aber eine ewige Gestalt jener ewigen Schönheit gibt, ist sie gewiss tausendmal schöner als das, was der Mensch bislang davon zu erkennen vermochte. “Mutter Indien” ist kein Stück Land; sie ist eine Macht, eine Gottheit – alle Völker haben eine derartige Göttin, die ihr eigenes Dasein stützt und aufrechterhält. Solche Wesen sind wirklich und sind auf beständigere Weise wirklich als die Menschen, auf die sie einwirken; sie gehören jedoch einer höheren Ebene an, sind Teil des kosmischen Bewusstseins und Seins und wirken hier auf Erden, indem sie das menschliche Bewusstsein durch ihren Einfluss formen. Natürlich glaubt der Mensch, der nur sein eigenes individuelles, nationales oder rassisches Bewusstsein am Werk sieht, aber nicht sieht, was darauf einwirkt und es formt, dass alles von ihm stammt und dass es nichts Kosmisches und Größeres dahinter gibt. Das Krishna-Bewusstsein ist eine Realität, doch wenn es keinen Krishna gäbe, gäbe es auch kein Krishna-Bewusstsein; es kann kein Bewusstsein ohne ein bewusstes Wesen geben, außer in willkürlichen metaphysischen Abstraktionen. Es ist die Person, die der Persönlichkeit Wert und Wirklichkeit verleiht, er [Krishna] drückt sich in ihm aus [im Krishna-Bewusstsein] und wird nicht von ihm geformt. Krishna ist ein Wesen, eine Person, und als dieser Göttlichen Person begegnen wir ihm, hören seine Stimme, sprechen mit ihm, fühlen seine Gegenwart. Das Krishna-Bewusstsein als etwas von Krishna Getrenntes aufzufassen, ist ein Irrtum des Mentals, das immer das Untrennbare trennt und ebenso dazu neigt, das Unpersönliche, da es abstrakt ist, als größer, wirklicher und bleibender als die Person anzusehen. Solche Abgrenzungen mögen für das Mental und seine Zwecke nützlich sein, sie sind aber nicht die eigentliche Wahrheit; in der eigentlichen Wahrheit sind das Wesen oder die Person und seine Unpersönlichkeit oder sein Wesenszustand eine einzige Wirklichkeit.

Die Geschichtlichkeit Krishnas hat keine große spirituelle Bedeutung, sie ist nicht wesentlich, hat aber dennoch einen gewissen Wert. Ohne jeden Zweifel ist der Mensch Krishna keine Legende oder dichterische Erfindung, sondern lebte tatsächlich auf Erden und spielte eine Rolle in der indischen Vergangenheit. Zwei Tatsachen zeichnen sich deutlich ab, einmal, dass er als eine wichtige spirituelle Gestalt betrachtet wurde, deren spirituelle Erleuchtung in einer der Upanishaden erwähnt wird; und dann, dass er allgemein als ein göttlicher Mensch angesehen wurde, einer, der nach seinem Tod als Gottheit verehrt wird; dies hat mit der Erzählung im Mahabharata und in den Puranas nichts zu tun. Es besteht kein Grund zur Annahme, dass die Verbindung seines Namens mit der Bhagavata-Religion, einer wichtigen Strömung im Strom indischer Spiritualität, auf einer reinen Legende oder dichterischen Erfindung beruht. Das Mahabharata ist ein Epos und nicht Geschichte, es ist jedoch klar und deutlich ein Epos, das sich auf einem großen historischen Ereignis gründet, welches durch diese Art der Überlieferung im Gedächtnis bewahrt wurde; einige der in ihm vorkommenden Gestalten, Dhritarashtra und Parikshit zum Beispiel, haben mit Sicherheit gelebt, und die Erzählung, in der Krishna der Heerführer, Krieger und Staatsmann ist, kann als wahrscheinlich angenommen werden und gründet sich vermutlich auf einer geschichtlichen Überlieferung – sie hat nicht den Anschein einer Mythe oder rein dichterischen Erfindung. Soviel kann man, was die geschichtliche Figur des Menschen Krishna anbelangt, von der Theorie und Vernunft her mit Sicherheit sagen. Meiner eigenen Ansicht nach ist viel mehr als dies in ihr enthalten – ich habe immer die Inkarnation als Tatsache angesehen und die Geschichtlichkeit Krishnas anerkannt, genauso wie ich die Geschichtlichkeit Christi anerkenne.

Die Erzählung von Brindaban ist etwas anderes; sie ist im Mahabharata nicht enthalten, sondern hat puranischen Ursprung und man könnte behaupten, dass ihr symbolischer Charakter von Anfang an geplant war. Es gab eine Zeit, in der ich mich dieser Auffassung anschloss, doch später musste ich sie fallenlassen; nichts in den Puranas verrät eine derartige Absicht. Mir scheint vielmehr, dass die Geschichte als etwas erzählt wird, das tatsächlich geschah oder irgendwo geschieht. Die Gopis sind Wirklichkeiten und keine Symbole. Zumindest werden sie als eine okkulte Wahrheit aufgefasst – und okkult und symbolisch ist nicht das gleiche; das Symbol ist möglicherweise nur eine bedeutsame mentale Konstruktion oder eine phantasievolle Erfindung, das Okkulte aber ist eine Realität, die gleichsam irgendwo hinter der stofflichen Szene Tatsache ist und seine Wahrheit für das Erdenleben haben kann – sein Einfluss darauf kann sich sogar hier verkörpern. Die līlā der Gopis scheint als etwas aufgefasst zu werden, das sich ewig in einem göttlichen Gokul abspielt und sich in einem Brindaban auf Erden projiziert – es ist etwas, das immer erkannt und dessen Sinn für die Seele immer Wirklichkeit werden kann. Die Verfasser der Puranas waren offensichtlich der Meinung, dass es [das göttliche Gokul] im Leben des inkarnierten Krishna tatsächlich auf die Erde projiziert wurde – und der religiöse Geist Indiens akzeptierte diese Auffassung.

All diese Fragen und die daraus resultierenden Spekulationen haben keinen unmittelbaren Zusammenhang mit dem spirituellen Leben. Was dort zählt, ist die Fühlungnahme mit Krishna und dass man dem Krishna-Bewusstsein entgegenwächst; es zählt die Gegenwart, die spirituelle Verbindung, die Einung in der Seele und, solange dies noch nicht erreicht ist, das Streben, die zunehmende bhakti und jede Art von Erleuchtung, wie immer sie auch sei, die man auf dem [spirituellen] Weg erhalten kann. Einer, der diese Dinge erfahren hat, der in der Gegenwart lebte, der die Stimme härte, der Krishna als Freund oder Liebenden erkannte, als Führer, Lehrer, Meister oder – mehr noch – dessen ganzes Bewusstsein durch die Berührung verändert wurde, der die Gegenwart in sich fühlte – für den haben all diese Fragen nur ein äußerliches und oberflächliches Interesse. Ebensowenig zählt alles übrige für den, der Fühlung mit dem inneren Brindaban und der līlā der Gopis hatte, der die Hingabe vollzog, der dem Zauber der Freude und Schönheit erlag oder selbst für den, der vielleicht nur den Flötenton härte. Wenn man jedoch vom anderen Standpunkt ausgeht und die historische Wirklichkeit der Inkarnation hinnehmen kann, ergibt sich der große spirituelle Vorteil, dass man gleichsam einen point d‘appui, einen Anhaltspunkt für eine konkretere Verwirklichung hat, in der Überzeugung, dass wenigstens einmal das Göttliche die Erde sichtbar berührte und die vollendete Manifestation möglich machte – der göttlichen Übernatur es gleichsam ermöglichte, in diese sich entfaltende, doch noch sehr unvollkommene Erdnatur herabzukommen.

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Natürlich, Xs Ansicht über die Kanalisierung des Niagara ist auch mein Standpunkt. Für das menschliche Mental aber ist es schwierig, die Grenze zwischen Mental und Spirit zu überschreiten, ohne kräftig auf einer Linie vorzuschießen oder zu drängen; und dies muss dann eine Linie der reinen Erfahrung sein, auf welcher, besonders wenn es der bhakti-Weg ist, man leicht von den Stromschnellen verschlungen wird (verschwand nicht Chaitanya zuletzt in den Wassern?) und nicht weiter geht. Das erste ist, in das spirituelle Bewusstsein durchzubrechen, in irgendeinen Teil davon, irgendwie, irgendwo – dann kann man das Land erkunden, für dessen Erforschung es kaum eine Grenze gibt; man steigt höher und höher, man wird weiter und weiter, doch eine bestimmte innige Verzückung haftet dem ersten Eintauchen an, die außerordentlich packend ist. Nicht nur des bhaktas Seligkeit, sondern auch des jñānīs Eintauchen in das brahmanirvāṇa oder brahmānanda oder seine Befreiung in die stille Ewigkeit des Selbstes haben diesen packenden und absorbierenden Charakter – und es sieht anfangs nicht so aus, als würde es einen danach verlangen oder als ob man es nötig hätte, zu etwas jenseits davon zu gelangen. Man kann den sannyāsin, der sich in seiner laya, oder den bhakta, der sich in seiner Ekstase verlor, nicht tadeln; sie gehen vermutlich deshalb nicht weiter, weil es ihre Bestimmung und die Reichweite ihres Sprunges ist. Und dennoch habe ich es immer als ein Stadium aufgefasst und nicht als das Ziel; ich unterschreibe voll die Kanalisierung des Niagara.

Und nun zum avatār und den Symbolen. Es liegt, wie mir scheint, ein großer Fehler in diesem modernen Beharren auf Biographie und Geschichtlichkeit, das heißt der äußeren Tatsächlichkeit des avatāras und den Ereignissen seines äußeren Lebens. Was zählt, ist die spirituelle Wirklichkeit, die Macht, der Einfluss, die mit ihm verbunden sind oder die er durch sein Wirken und sein Dasein herabbrachte. Was vor allem im Leben eines spirituellen Menschen zählt, ist nicht das, was er nach Ansicht der Menschen seiner Zeit äußerlich tat oder war (das ist es doch, worauf die Geschichtlichkeit oder Biographie hinausläuft, nicht wahr?), sondern was er innerlich war und tat; das allein gibt seinem äußeren Leben einen Wert. Das innere Leben ist es, das dem äußeren jede mögliche Macht verleiht und das innere Leben eines spirituellen Menschen ist etwas Weites und Volles und, zumindest in den großen Gestalten, so voll und reich an bedeutsamen Dingen, dass kein Biograph oder Historiker jemals darauf hoffen kann, es ganz zu erfassen oder zu beschreiben. Was immer in seinem äußeren Leben bedeutsam ist, ist es als Symbol von etwas, das in ihm verwirklicht wurde; man könnte dies noch weiter führen und sagen, dass auch das innere Leben nur als Ausdruck oder lebendige Darstellung der Göttlichen Bewegung dahinter bedeutsam ist. Daher braucht es uns nicht zu kümmern, ob die Geschichten über Krishna wahre Berichte seiner Taten auf Erden sind, wie umrisshaft auch immer, oder symbolische Darstellungen dessen, was Krishna für die Menschen ist und war – von der Göttlichkeit, die sich in der Gestalt Krishnas ausdrückt. Buddhas Entsagung, seine Versuchung durch Mara, seine Erleuchtung unter dem Bo-Baum sind solche Symbole, ebenso wie die jungfräuliche Geburt, die Versuchung in der Wüste, die Kreuzigung Christi solche Symbole sind – wahr durch das, was sie ausdrücken, selbst wenn sie nicht peinlich genau berichtete historische Tatsachen sind. Die überlieferten, äußeren Geschehnisse um Christus oder Buddha sind nicht viel mehr als das, was in vielen anderen Leben auch geschah – was also ist es, das Buddha oder Christus den gewaltigen Platz in der spirituellen Welt einnehmen lässt? Es ist die Tatsache, dass sich etwas durch sie manifestierte, was mehr war als ein äußeres Ereignis oder eine Lehre. Die nachprüfbare Geschichtlichkeit berichtet sehr wenig davon und dennoch ist dies das einzige, was zählt. Daher scheint mir, dass X grundsätzlich recht hat mit dem, was er über Symbole sagt. Für das physische Mental zählen allein die Worte, die Tatsachen und Taten eines Menschen, für das innere Mental zählen die spirituellen Ereignisse. Selbst die Lehren Buddhas oder Christi sind spirituell nicht als rein mentale Lehren wahr, sondern als Ausdruck spiritueller Zustände oder Geschehnisse in ihnen, die sie durch ihr Erdenleben in anderen möglich machten. Ebenso sind ganz offensichtlich sektiererische Trennwände ein Fehler, etwas Hinzugekommenes, eine mentale Begrenzung der Wahrheit, die einem mentalen, aber keinem spirituellen Zweck dienen. Der avatār, der guru haben keine Bedeutung, wenn sie nicht für das Ewige stehen – das allein macht sie für den Jünger oder Verehrer zu dem, was sie sind.

Es ist ebenso eine Tatsache, dass niemand dir zu einer spirituellen Verwirklichung verhelfen kann, die nicht aus dem eigenen wahren Selbst kommt; es ist immer das Göttliche, das sich enthüllt, und das Göttliche ist in dir; daher muss Er, der sich enthüllt, in deinem Herzen gefühlt werden. Deine Frage läuft darauf hinaus, dass dies eine Wahrheit ist, die missdeutet oder missbraucht werden kann, doch kann dies mit jeder spirituellen Wahrheit geschehen, wenn man sie falsch auffasst – und das menschliche Mental neigt sehr dazu, die Wahrheit beim falschen Ende zu ergreifen und dann bei der Falschheit anzulangen. Alle Darlegungen dieser Dinge sind letzten Endes mentale Darlegungen und jedem Mental preisgegeben, von dem sie gedeutet werden. Der Haken jeder derartigen Äußerung liegt nicht in der Wahrheit, die durch sie ausgedrückt wird, sondern in der Deutung durch das Mental. Der Haken liegt nicht in der Äußerung selbst, die durchaus korrekt ist, sondern in dem entstellten Sinn, den ihr das vom Ego gehegte, unwissende und dünkelhafte Mental gibt. Viele haben die Lehre des “eigenen Selbstes” betont, ohne sich darum zu kümmern, ob es das wahre Selbst ist; sie haben die Unwissenheit ihres eigenen Selbstes – tatsächlich ihres Egos – gegen das Wissen des Gurus ausgespielt oder sie machten ihr Ego oder etwas, das ihm schmeichelte und es nährte, zum iṣṭa-devatā, der erwählten Gottheit. Der Haken in der Verehrung des Gurus oder avatāras ist die sektiererische Auffassung, die sich an den Vertreter oder die [menschliche] Manifestation klammert, dabei aber das Manifestierte aus dem Auge verliert; der Haken in der Betonung der anderen Seite liegt darin, die Notwendigkeit des Vertreters oder der menschlichen Manifestation zu übersehen, ihren Wert zu schmälern und das wahre Selbst – eins in allen – durch das “eigene Selbst” als Lenker und Licht zu ersetzen. Wie viele haben dies getan und in dem Sog ihres vergrößerten Egos den Weg verloren – eine der großen Gefahren auf dem Pfad! Das mindert jedoch nicht die Wahrheit der Dinge, von denen X spricht – wenn man aber die vielen Seiten der Wahrheit betrachtet, muss man jedem Ding in der Harmonie des Alls, die für uns Ausdruck des Höchsten ist, seinen Platz geben.

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Der Kern dessen, was X sagt, ist durchaus richtig, wie es immer für den Standpunkt jener zutrifft, die eine gewisse Vorstellung von Spiritualität haben – wenn es die religiösen Menschen auch schwierig finden, dies anzuerkennen. Christus und Krishna sind das gleiche, doch ist es eine Gleichheit in der Verschiedenheit – das ist tatsächlich der Nutzen der vielen [Göttlichen] Manifestationen statt ihrer Einmaligkeit, die die Missionare wahr haben wollen. Versagt jedoch das Christentum tatsächlich nur deshalb, weil der historische Christus zu sehr zum Grundstein des Glaubens gemacht wurde? Ist nicht vielmehr etwas Unzulängliches in dieser Religion selbst – vielleicht in der Religion als solcher überhaupt? Alle Religionen verblassen jetzt etwas. Man fühlt das Erfordernis eines größeren Sich-Öffnens der Seele zum Licht, ein öffnen, dem das sich weitende menschliche Mental und Herz folgen können.

 

1 “Es ist nicht dies, es ist nicht das” – berühmter Satz aus den Upanishaden.

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2 “Es ist dies, es ist dies”.

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3 Über seine vielen Geburten sagt Krishna in der Gita: “sambhavāmi yuge yuge” – “ich werde von Zeitalter zu Zeitalter geboren”, Gita 4. 8

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4bahūni me vyatītāni janmāni tava cārjuna” – “zahlreich sind meine Leben in der Vergangenheit und auch deine, o Arjuna”, Gita 4. 5

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5 Das Ramayana und das Mahabharata sind die beiden großen Nationalepen Indiens. Das Ramayana ist älter und wurde von dem Weisen Valmiki in Sanskrit verfasst. Es schildert die Geschichte Ramas, Sohn des Königs Dasratha. Rama verzichtet aufgrund eines Versprechens seines Vaters, dessen bindende Verpflichtung er voll anerkennt, auf den ihm zustehenden und bereits zugesprochenen Thron und zieht mit Sita, seiner Gemahlin, und Lakshman, seinem Bruder, in ein vierzehnjähriges Exil in die Wälder. Dort wird ihm Sita von Ravana, dem machtvollen rākṣasa-König von Lanka, geraubt. Mit Hilfe des Affenheeres und seines Anführers Hanuman, der Rama zutiefst ergeben ist, vernichtet er Ravana und sein Reich und gewinnt Sita zurück. Er kehrt mit ihr und Lakshman in sein Königreich heim, wo er den Thron besteigt.

Die eine Stelle in Sri Aurobindos Brief bezieht sich auf die folgende Begebenheit im Verlaufe der Handlung: Im Kampf des rākṣasa Bali mit Sugriva, Ramas Freund, gewinnt der machtvolle Bali allmählich die Oberhand. Rama, von Sugriva zu Hilfe gerufen, tötet Bali hinterrücks durch einen Pfeilschuss. Der sterbende Bali protestiert zuerst gegen das unfaire Verhalten Ramas – als er ihn aber als avatār erkennt, preist er sich glücklich und stirbt.

Die andere Stelle bezieht sich darauf, dass Rama, der Volksmeinung gehorchend, Sita verstößt und ins Exil schickt, da sie dem Harem Ravanas angehört hatte. (Anmerkung des Übersetzers.)

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