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Mutters

Agenda

ersten Band

Ohne Datum 1957

(Über frühere Leben)

Wenn man wirklich darüber sprechen wollte, müßte man alles sagen, mit allen Einzelheiten, denn unter den unzähligen Erfahrungen, die ich seit fast achtzig Jahren hatte, gibt es scheinbar so verschiedene, so widersprüchliche, daß sich im Grunde sagen läßt: alles ist möglich. Eine Aussage über die früheren Leben, ohne den Faden von allem aufzunehmen, bedeutet deshalb, dem Dogmatismus die Tür zu öffnen. Eines Tages werden sie sagen: "Mutter hat dies gesagt, Mutter hat das gesagt ..." und so entstehen leider die Dogmen.

In dieser Fülle der Erfahrungen und weil ich mein Leben unmöglich mit Reden und Schreiben verbringen kann, merkt euch deshalb ausdrücklich, daß alles möglich ist, und seid nicht dogmatisch. Ich kann euch indessen einige allgemeine Anzeichen geben.

Nur wenn man sich bewußt mit seinem Göttlichen Ursprung identifiziert hat, kann man in voller Wahrheit von der Erinnerung an frühere Leben sprechen. Sri Aurobindo spricht von einer fortschreitenden Manifestation des Geistes in den Formen, die er bewohnt. Wenn man auf dem Gipfel dieser Manifestation angekommen ist, blickt man aus der Vogelperspektive auf den schon durchschrittenen Weg zurück und erinnert sich.

Aber es handelt sich nicht um ein Erinnern in der mentalen Art. Jene, die angeben, dieser Fürst im Mittelalter oder jene Person, an jenem Ort, in jener Epoche gewesen zu sein, sind Phantasten; sie sind einfach Opfer ihrer eigenen mentalen Einbildung. Tatsächlich bleiben von den vergangenen Leben nicht die schönen Bilder des Epinals, wo ihr euch als großer Herr in einem Schloß seht oder als siegreicher General an der Spitze einer Armee – das ist Roman. Was bleibt, ist die Erinnerung an die AUGENBLICKE, wo das psychische Wesen aus den Tiefen eures Wesens auftauchte und sich euch offenbarte, das heißt die Augenblicke, wo ihr voll bewußt wart. Diese Entwicklung des Bewußtseins vollzieht sich fortschreitend durch die Evolution hindurch, und die Erinnerung an die vergangenen Leben beschränkt sich im allgemeinen auf die kritischen Augenblicke dieser Evolution, auf die großen entscheidenden Wendepunkte, die einen Fortschritt eures Bewußtseins kennzeichneten.

In dem Augenblick, wo man solche Minuten in seinem Leben erlebt, kümmert man sich nicht im geringsten darum, sich zu erinnern, daß man dieser Herr war, an jenem Ort in jener Epoche lebte – es ist nicht die Erinnerung eures sozialen Standes, die bleibt. Im Gegenteil, man verliert das Bewußtsein dieser äußeren, unwesentlichen, vergänglichen Dinge, um ganz in dem Flammen dieser Offenbarung der Seele oder der göttlichen Berührung zu sein. Wenn man sich dieser Minuten seiner vergangenen Leben erinnert, hat diese Erinnerung eine solche Intensität, daß sie noch sehr nahe, noch lebend scheint, viel lebendiger als der Großteil der gewöhnlichen Erinnerungen unseres gegenwärtigen Lebens. Wenn man manchmal im Traume mit gewissen Ebenen des Bewußtseins in Berührung kommt, kann man Erinnerungen haben, die diese Intensität besitzen, diese, wenn ich so sagen kann, vibrierende Farbe, so viel intensiver als die Farben und Dinge der physischen Welt. Denn das sind die Augenblicke des wahren Bewußtseins und da kleidet sich alles in einen außerordentlichen Glanz, alles vibriert, alles wird geladen mit einer Qualität, die unserem gewöhnlichen Blick entgeht.

Diese Minuten der Verbindung mit der Seele sind meistens jene, die einen entscheidenden Wendepunkt in unserem Leben bezeichnen, eine überwundene Etappe, einen Fortschritt des Bewußtseins, und das entspricht häufig einer Krise, einer Situation von äußerster Intensität, wenn ein Aufruf im ganzen Wesen entsteht, ein so starker Aufruf, daß das innere Bewußtsein die unbewußten Schichten, die es verhüllen, durchstößt und sich hell leuchtend an der Oberfläche offenbart. Dieser sehr starke Aufruf des Wesens kann auch die Herabkunft einer göttlichen Emanation hervorrufen, einer Individualität, eines göttlichen Aspektes, der sich in einem gegebenen Augenblick mit eurer Individualität verbindet, um eine bestimmte Arbeit zu verrichten, diese Schlacht zu gewinnen, dieses oder jenes auszudrücken. Wenn die Arbeit beendet ist, zieht diese Emanation sich meistens zurück. Wenn man die Erinnerung an die Umstände bewahrt, die diese Minuten der Offenbarung oder Inspiration begleiteten, dann mag man eine Landschaft wiedersehen, die Farbe eines Kleides, das man trug, die Farbe der eigenen Haut, die Dinge, die euch in dieser Minute umgaben – all das wird in einer unauslöschlichen Weise mit außerordentlicher Intensität festgehalten, denn da enthüllen sich auch die Dinge des gewöhnlichen Lebens in ihrer wahren Intensität, in ihrer wahren Farbe. Das Bewußtsein, das sich in euch offenbart, enthüllt zur gleichen Zeit das Bewußtsein, das in den Dingen ist. Mit Hilfe dieser Einzelheiten gelingt es manchmal, die Epoche, in der man lebte, oder die vollzogene Handlung, das Land, in dem man sich befand, zu rekonstruieren, aber es ist sehr leicht, einen Roman zu erfinden und seine Einbildung für die Wirklichkeit zu halten.

Man darf indessen nicht glauben, daß alle Erinnerungen an frühere Leben Augenblicke von großen Krisen, einer wichtigen Aufgabe oder einer Offenbarung sind. Es sind manchmal sehr einfache transparente Minuten, in denen eine uneingeschränkte Harmonie des Wesens sich ausdrückt, eine vollkommene Harmonie. Und das kann völlig unbedeutenden äußeren Situationen entsprechen.

Außer diesen unmittelbaren Dingen, die euch in dieser Minute umgeben, außer dieser Minute der Verbindung mit eurem psychischen Wesen, bleibt nichts. Wenn der bevorzugte Augenblick einmal vergangen ist, versinkt das psychische Wesen wieder in seinen inneren Dämmerschlaf und das ganze äußere Leben schmilzt in ein eintöniges Grau-in-Grau, von dem keine Spur bleibt. Übrigens entsteht ein wenig das gleiche Phänomen im Laufe des Lebens, das ihr jetzt lebt: außer den besonderen Augenblicken, wo ihr auf der Höhe eures mentalen, vitalen oder auch physischen Wesens seid, scheint der Rest eurer Existenz in eine neutrale Farbe ohne großes Interesse zu schmelzen, wo es wenig bedeutet, an diesem Ort gewesen zu sein anstatt an jenem anderen, dieses getan zu haben anstatt jenes. Wenn ihr plötzlich versucht, euer Leben zu betrachten, die zwanzig oder dreißig oder vierzig Jahre hinter euch, wie um ihren wesentlichen Gehalt zu sammeln, werdet ihr spontan zwei oder drei Bilder hervortreten sehen, welche die wahren Minuten eures Lebens sind, und alles andere verlischt. Eine spontane Wahl und eine ungeheure Aussonderung findet in eurem Bewußtsein statt. Das wird euch ein wenig die Idee geben, was mit den früheren Leben geschieht – die Wahl einiger herausragender Augenblicke und eine ungeheure Aussonderung.

Sicherlich sind die ersten Leben sehr unentwickelt, und es bleibt nur wenig von ihnen, sehr verstreute Erinnerungen, aber je mehr sich das Bewußtsein entwickelt, um so bewußter wird das psychische Wesen mit den äußeren Handlungen verbunden und um so zahlreicher, zusammenhängender, genauer werden die Erinnerungen; aber noch einmal, es bleibt die Erinnerung an die Verbindung mit der Seele und manchmal an die Dinge, die mit der psychischen Enthüllung verbunden waren – nicht der soziale Stand, nicht die wechselnden Aufmachungen. Und das erklärt, warum die angeblichen Erinnerungen an tierische Leben der höchsten Phantasie angehören: der göttliche Funke ist bei ihnen zu tief vergraben, um bewußt an die Oberfläche des äußeren Lebens zu treten und sich mit dem äußeren Leben zu verbinden. Man muß ein vollkommen bewußtes Wesen werden, in allen Teilen seines Wesens, vollkommen vereint mit seinem göttlichen Ursprung, um wahrhaft sagen zu können, daß man sich an seine früheren Leben erinnert.

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