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Mutters

Agenda

dritten Band

24. Mai 1962

Aphorismus 73 – Wenn die Weisheit kommt, ist ihre erste Lektion: "Wissen als solches existiert nicht; es gibt nur flüchtige Wahrnehmungen der unendlichen Gottheit."

Das ist sehr gut.

Es bedarf keiner Fragen.

74 – Praktisches Wissen ist etwas anderes; es ist reell und nützlich, aber nie vollständig. Folglich muß man es systematisieren und kodifizieren, was aber fatal ist.

In seinem eigenen Bereich ist es reell – aber nur dort.

Diese Frage hat mich sehr oft beschäftigt. Eine Zeitlang glaubte ich sogar, ein umfassendes, komplettes und vollkommenes Wissen der gesamten Funktion der physischen Natur, so wie wir sie in der Welt der Unwissenheit wahrnehmen, könnte ein Mittel sein, die Wahrheit der Dinge zu erlangen oder wiederzufinden. Nach dieser letzten Erfahrung 1 kann ich nicht mehr so denken.

Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich mache... Lange glaubte ich, daß die Wissenschaft auf das wahre Wissen stoßen würde, wenn sie in absoluter Weise bis an die Grenzen ihrer Möglichkeit vorstieße (falls das möglich ist), zum Beispiel in ihrem Studium der Zusammensetzung der Materie. Kraft des stetigen Vorwärtsdrängens der Forschung käme der Augenblick, wo sich die beiden träfen. Als ich nun diese Erfahrung des Übergangs vom Bewußtsein der ewigen Wahrheit ins Bewußtsein der individualisierten Welt hatte 2, erschien mir das unmöglich. Und wenn du mich jetzt fragst, glaube ich, daß beide Standpunkte nicht zutreffen – sowohl die Möglichkeit des Zusammentreffens, indem man die Wissenschaft bis aufs äußerste vorantreibt, als auch die Unmöglichkeit einer wahren bewußten Verbindung mit der materiellen Welt, beides entspricht nicht der Wahrheit. Es gibt noch etwas anderes.

Seit einigen Tagen bin ich immer mehr mit dem gesamten Problem konfrontiert, als ob ich es nie zuvor gesehen hätte.

Vielleicht sind es zwei Wege, die zu einer dritten Position führen, und vielleicht bin ich augenblicklich dabei, dies... nicht eigentlich zu studieren, aber doch auf der Suche, wo die beiden sich in einem Dritten verbinden, das die wahre Sache wäre.

Gewiß führt das zum Extrem getriebene objektive, wissenschaftliche Wissen, wenn es ihm gelingt, absolut umfassend zu sein (da gibt es ein "wenn"), wenigstens zur Schwelle. Das sagt Sri Aurobindo. Nur, sagt er, sei dies fatal, weil alle, die sich diesem Wissen widmeten, darin eine absolute Wahrheit sahen, was ihnen die Tür zum anderen Ansatz verschließt. In dieser Hinsicht ist es fatal.

Nach meiner persönlichen Erfahrung könnte ich sagen, daß es für all jene, die an eine AUSSCHLIESSLICHE spirituelle Annäherung, die Annäherung durch eine innere Erfahrung glauben, auch fatal ist. Wenn dieser Ansatz ausschließlich ist, offenbart auch er ihnen nur EINEN Aspekt, EINE Wahrheit des Ganzen, aber nicht das Ganze. Die andere Seite erscheint mir auch unerläßlich, denn als ich so vollständig in dieser höchsten Verwirklichung lebte, war es absolut unleugbar, daß die andere, äußere, verlogene Verwirklichung nur eine (wahrscheinlich zufällige) Entstellung von etwas darstellte, das EBENSO WAHR ist wie das andere.

Wir sind auf der Suche nach diesem "Etwas". Vielleicht sind wir nicht nur auf der Suche, sondern nehmen auch an seiner ENTSTEHUNG Teil.

Wir werden dazu benutzt, an seiner Manifestierung teilzunehmen.

Die Manifestierung von "dem", was für alle noch unvorstellbar ist, weil es noch nicht existiert. Sein Ausdruck liegt noch in der Zukunft.

Mehr kann ich nicht sagen.

(Schweigen)

In diesem Bewußtseinszustand lebe ich gegenwärtig. Ich stehe gleichsam diesem ewigen Problem gegenüber, aber... aus EINER ANDEREN POSITION.

Diese Positionen, die man als die spirituelle und die "materialistische" Position bezeichnen könnte, die sich für unvereinbar hielten (unvereinbar und einmalig, was sie dazu veranlaßt, den Wert der anderen in bezug auf die Wahrheit zu leugnen), sind unzureichend, nicht nur, weil sie die andere nicht gelten lassen, sondern weil sich das Problem auch nicht lösen läßt, indem man beide annimmt und vereint. Es erfordert etwas anderes, eine dritte Sache, nicht die Folge aus den beiden sondern etwas, das es noch zu entdecken gilt, das wahrscheinlich das Tor zum totalen Wissen öffnen wird.

Dies ist mein gegenwärtiger Standpunkt.

Mehr kann ich nicht sagen, denn hier stehe ich.

Praktisch kann man sich fragen, wie man daran teilnehmen kann...

An dieser Entdeckung?

Im Grunde genommen ist es immer dasselbe. Immer dasselbe: sein eigenes Wesen verwirklichen, bewußt mit der höchsten Wahrheit des eigenen Wesens in Verbindung treten, EGAL in welcher Form, EGAL auf welchem Weg – das spielt keine Rolle –, aber nur so ist es möglich. Wir tragen... jedes Individuum trägt eine Wahrheit in sich, und es muß sich mit dieser Wahrheit vereinen, diese Wahrheit muß es leben. So ist der Weg, den es zu verfolgen hat, um sich dieser Wahrheit anzuschließen und sie zu verwirklichen, genau derjenige, der SO NAHE WIE MÖGLICH an die Erkenntnis heranführen wird. Das heißt, daß beide absolut eins sind: die persönliche Verwirklichung und die Erkenntnis.

Wer weiß, vielleicht wird gerade die Vielfalt der Ansätze das Geheimnis freilegen – das Geheimnis, das die Tür öffnen wird.

Ich glaube nicht, daß ein einziges Individuum (auf der Erde, so wie sie jetzt ist), ein einziges Individuum, so groß es auch sein mag, so ewig sein Bewußtsein und sein Ursprung sein mögen, allein die gegenwärtige Welt und Schöpfung ändern und diese höhere Wahrheit der neuen Welt verwirklichen kann – eine wahrere Welt, wenn nicht absolut wahr. Anscheinend erfordert es eine bestimmte Anzahl von Individuen (bis jetzt scheinen diese Individuen in zeitlicher Folge aufgetreten zu sein, aber vielleicht kann es auch im Raum, als Kollektiv, stattfinden), damit sich diese Wahrheit konkretisiert und verwirklicht.

Praktisch bin ich davon überzeugt.

Das heißt, EIN AVATAR, so groß, so bewußt, so mächtig er auch sein mag, kann nicht allein das supramentale Leben auf der Erde verwirklichen. Entweder ist es eine in zeitlicher Folge auftretende Gruppe oder eine im Raum verbreitete Gruppe – vielleicht beides –, die für diese Verwirklichung unerläßlich sind. Davon bin ich überzeugt.

Das Individuum kann den Anstoß geben, den Weg weisen, den Weg selber BEGEHEN, das heißt, den Weg zeigen, indem es ihn selbst geht – aber nicht vollenden. Die Vollendung untersteht den Gesetzen der Gesamtheit, die Ausdruck eines bestimmten Aspekts der Ewigkeit und des Unendlichen sind. Natürlich! Es ist ja alles dasselbe Wesen, keine verschiedenen Individuen oder Persönlichkeiten sondern dasselbe Wesen. Es ist ein und dasselbe Wesen, das sich auf eine bestimmte Weise ausdrückt, was sich für uns in Form eines Zusammenspiels, einer Gruppe, einer Gemeinschaft zeigt.

Hast du noch eine Frage zu diesem Thema?

Ich wollte dich fragen: In welcher Hinsicht ist deine Sichtweise nach dieser Erfahrung (vom 13. April) anders geworden? Worin besteht der Unterschied?

Ich wiederhole.

Sehr lange schien mir, wenn man eine perfekte Vereinigung des zur äußersten Grenze verfolgten wissenschaftlichen Ansatzes und des spirituellen Ansatzes in seiner extremen Verwirklichung herstellen könnte, daß man dann natürlich auf die gesuchte Wahrheit, die umfassende Wahrheit stoßen würde. Doch nach den beiden Erfahrungen – der des äußeren Lebens (die Universalisierung, das Auslöschen der Persönlichkeit, eben alle yogischen Erfahrungen, die man in einem materiellen Körper haben kann) und der Erfahrung der totalen und vollkommenen Vereinigung mit dem Ursprung –, nach diesen beiden Erfahrungen ist etwas passiert, das ich noch nicht beschreiben kann, aber ich weiß jetzt, daß die Kenntnis dieser beiden und ihre Vereinigung nicht ausreicht, daß es etwas Drittes gibt, zu dem sie führen, und daß dieses Dritte... in the making ist, sich entwickelt. Dieses Dritte kann zur Verwirklichung führen, zur Wahrheit, die wir suchen.

Ist es diesmal klar?

Ich meinte etwas anderes...

Ah! Was denn?

Inwiefern hat sich deine Sicht der PHYSISCHEN Welt seit dieser Erfahrung vom 13. April verändert?

Dieses Bewußtsein läßt sich nur annäherungsweise umschreiben.

(Schweigen)

Durch den Yoga hatte ich eine Beziehung zur materiellen Welt gewonnen, die auf dem Begriff der vierten Dimension basierte (der inneren Dimensionen, die im Yoga unzählig werden), auf der Anwendung dieser Haltung und dieses Bewußtseinszustandes. Ich untersuchte die Beziehung zwischen der materiellen und der spirituellen Welt mit diesem Sinn für die inneren Dimensionen und durch eine Vervollkommnung des Bewußtseins der inneren Dimensionen – das war meine bisherige Erfahrung.

Seit langem ging es nicht mehr nur um die drei Dimensionen (das gehört ABSOLUT der Welt der Illusion und der Lüge an). Doch selbst der Gebrauch des Sinns für die vierte Dimension mit allem, was sie umfaßt, erscheint mir jetzt oberflächlich – so sehr, daß ich ihn NICHT MEHR ERLANGEN KANN. Das andere, die dreidimensionale Welt, ist absolut unwirklich, aber jetzt erscheint mir selbst die vierte Dimension (wie soll ich sagen?) konventionell. Als wäre es eine konventionelle "Übersetzung", um uns eine bestimmte Annäherungsart zu ermöglichen.

Jetzt aber zu sagen, was die wahre Position ist... Das liegt so weit außerhalb aller intellektuellen Zustände, daß ich es nicht in Worte fassen kann.

Doch ich weiß, daß die Formel kommen wird. Sie wird allerdings in einer Reihe von gelebten Erfahrungen kommen, die ich noch nicht habe.

(Schweigen)

Der erste Ansatz war mir ein sehr nützliches und praktisches Mittel, mit dessen Hilfe ich meinen Yoga machte und der mir eine Beherrschung der Materie gestattete, aber jetzt erschien mir das als bloße Methode, ein Mittel, ein Prozeß – es ist nicht DAS.

Dies ist mein gegenwärtiger Zustand.

Mehr kann ich nicht sagen.

Ich möchte lieber weitere Fortschritte machen, bevor ich mehr sage.

*
*   *

Kurz darauf

Reicht das?

Es ist schwer zu verdauen.

Es ist aber wichtig.

Ich möchte erst weitere Fortschritte machen... Es sei denn, das folgende Thema wäre etwas völlig anderes.

Ja, es ist ein völlig anderes Thema. Aber du bist müde...

Lies vor!

76 – Europa rühmt sich seiner praktischen und wissenschaftlichen Organisation und Tüchtigkeit. Ich warte, bis seine Organisation perfekt ist, dann wird ein Kind es zerstören.

Dazu sage ich nichts.

Wir überspringen das.

Was läßt sich dazu schon sagen!

Mir kam bereits der Gedanke, daß wir eine bestimmte Anzahl von Aphorismen auslassen, überspringen, vergessen werden müssen 3, insbesondere all jene über die Ärzte und die Medizin. Nicht, daß ich ihre Wahrheit leugne, keineswegs! Aber ich bezweifle, daß es angebracht ist, jetzt darüber zu sprechen. Und dieser braucht auch nicht besprochen zu werden.

Ich glaube nicht, daß all diese Aphorismen für die Veröffentlichung bestimmt waren – ich glaube nicht, daß er sie veröffentlichen wollte. Er hat sehr private Dinge gesagt.

Diesen zählen wir zur Rubrik der privaten Dinge!

Und der folgende?

77 – Das Genie entdeckt ein System; das mittelmäßige Talent stereotypisiert es, bis es durch ein neues Genie zerschlagen wird. Für eine Armee ist es gefährlich, von Veteranen geführt zu werden, denn auf die andere Seite kann Gott Napoleon stellen.

Auch hierüber können wir nicht sprechen, ich glaube nicht.

Im Grunde genommen müßten wir eine Auswahl treffen, und nur über bestimmte Aphorismen sprechen, die Anlaß für Erklärungen bieten. Diese aber... Die Leute sind nicht bereit zu verstehen. Und es paßt nicht zum Stil des Bulletins. Wir bräuchten eine Zeitschrift, eine Kampf-Zeitschrift, die allen gewöhnlichen Ideen den Kampf ansagt, dann wären all diese Aphorismen (wie zum Beispiel jene über die Ärzte) wie die Heerführer der Kampftruppen. Eine Zeitschrift mit dem Ziel des "Zerschlagens alter Idole". So etwas. Eine solche Zeitschrift wäre sehr interessant – ein Kampf-Magazin.

Das kann aber nicht das Instrument eines Ashrams sein. Es müßte den Anschein einer literarischen Zeitschrift haben (es kann keine politische Zeitschrift sein, sonst würde man am nächsten Tag im Gefängnis landen!). Es dürfte nicht als etwas Praktisches dargestellt werden sondern als literarische, philosophische Spekulationen; das würde nichts ausmachen, denn dadurch erhielte das Kampf-Magazin ja lediglich die nötige Rückendeckung.

Das wäre etwas, was wir sehr gut für 1965 oder 1967 planen könnten. 1967 könnten wir das wahrscheinlich tun. In jeder Ausgabe (ich weiß nicht, wie viele Ausgaben es jährlich geben würde) wird einer dieser Aphorismen voll ausgeleuchtet, wie der über Europa.

Das wäre sehr interessant. Wir sollten es in Betracht ziehen.

Das Bulletin sollte ruhig und friedlich sein, nicht stürmisch – wir wollen niemanden erschlagen. Wir wollen sozusagen nur die Straße ausebnen, um sie leichter begehbar zu machen, nichts anderes. Keine Lawinen auf die Köpfe der Leute rollen!

 

1 Vom 13. April.

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2 Siehe Agenda vom 13. Mai.

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3 Später änderte Mutter ihre Meinung (siehe auch Gespräch vom 3.3.1962).

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