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Mutters

Agenda

dritten Band

6. Oktober 1962

78 – Wenn das Wissen frisch in uns ist, ist es unbesiegbar. Alt geworden, verliert es seine Kraft, denn Gott schreitet unentwegt voran.

Was ist deine Frage?

Hier ist ein intellektuelles oder spirituelles Wissen gemeint, aber wenn es sich um ein Wissen des supramentalen Yogas handelt, dann ist es... welche Art Wissen ist das? Ist es ein Wissen im Körper, ein physisches Wissen?

Sri Aurobindo spricht hier von einem Wissen durch Inspiration oder Offenbarung. Wenn plötzlich etwas herabkommt und das Verständnis erleuchtet, hat man auf einmal den Eindruck, eine gewisse Sache zum ersten Mal zu wissen, denn es kommt direkt aus dem Bereich des Lichtes und des wahren Wissens, und es kommt mit all seiner innewohnenden Kraft der Wahrheit – es erleuchtet einen. Hat man es gerade empfangen, scheint in der Tat nichts diesem Licht widerstehen zu können. Wenn man darauf bedacht ist, es in sich wirken zu lassen, bewirkt es eine so große Transformation, wie sie in seinem eigenen Bereich nur möglich ist.

Diese Erfahrung hat man häufig. Wenn das geschieht, scheint sich alles für eine gewisse Zeit (nicht für sehr lange) ganz natürlich um dieses Licht zu ordnen. Dann vermischt es sich allmählich mit dem übrigen, und nur das intellektuelle Wissen davon bleibt bestehen (es äußert sich auf die eine oder andere Weise). Dieses bleibt bestehen – aber sozusagen als wäre es leer. Es hat nicht mehr diese Antriebskraft, die alle Bewegungen des Wesens in seinem Bildnis transformiert. Das will Sri Aurobindo sagen: Die Welt schreitet schnell voran, der Herr geht immer vorwärts, und all das, was Er hinterläßt, ist ein Schweif, der aber nicht mehr dieselbe spontane Kraft und Allmacht des AUGENBLICKS hat, als Er ihn in die Welt schleuderte.

Man hat den Eindruck, daß es wie ein Regen der Wahrheit ist: Alle, die ihn auffangen können, und sei es auch nur einen Tropfen, erfahren eine Offenbarung, aber wenn sie nicht selber mit phantastischer Geschwindigkeit voranschreiten, entfernt sich der Herr sehr bald mit seinem Regen der Wahrheit, und man muß schnell laufen, um ihn einzuholen!

Diese Vorstellung hatte ich immer.

Das will er sagen.

Ja, aber damit dieses Wissen wirklich eine Macht der Transformation hat...?

Das ist die höhere Erkenntnis, die sich ausdrückende Wahrheit, das, was er "die wahre Erkenntnis" nennt. Diese Erkenntnis transformiert die ganze Schöpfung. Aber es ist, als ließe Er es die ganze Zeit herabregnen, und man muß sich sehr beeilen (lachend), um nicht zurückgelassen zu werden.

Hast du denn niemals dieses blendende Licht im Kopf gespürt? Das drückt sich aus als: "Ah! Aber ja!" Bisweilen wußte man es zwar verstandesmäßig, doch es war farblos, ohne Leben, und nun kommt es plötzlich wie eine ungeheure Kraft, die alles im Bewußtsein um dieses Licht ordnet – es bleibt nicht sehr lange. Manchmal bleibt es nur einige Stunden, manchmal einige Tage, aber niemals länger, außer man wäre sehr langsam in seinen Bewegungen. Während dieser Zeit (lachend) bewegt sich die Quelle der Wahrheit immer weiter, weiter, weiter...

Aber all dies sind psychologische Transformationen. Welche Kenntnis ist nötig, um die Materie zu transformieren, den Körper?

Darüber kann ich im Moment nichts sagen, mein Kind, denn ich weiß es nicht.

Ist es eine andere Art des Wissens?

Nein, ich glaube nicht.

(Schweigen)

Es ist vielleicht eine andere Art Aktion, aber keine andere Art des Wissens.

(Schweigen)

Im Grunde kann man erst dann von dem sprechen, was die Materie transformiert, wenn sie... wenigstens ein bißchen transformiert ist, wenn die Transformation begonnen hat. Dann kann man von einem Prozeß sprechen. Aber bis jetzt...

(Schweigen)

Jede beliebige Transformation im Wesen – auf jeder Ebene – hat immer Auswirkungen auf die darunterliegenden Ebenen. Es hat immer eine Wirkung. Selbst die Dinge, die rein intellektuell erscheinen, haben sicherlich eine Auswirkung auf die Beschaffenheit des Gehirns.

Diese Art von Offenbarungen geschehen nur in einem schweigenden Mental – jedenfalls in der Ruhe. Ein völlig ruhiges und unbewegtes Mental, sonst geschieht es nicht. Oder wenn es kommt, merkt man es nicht einmal, bei all dem Lärm, den man verursacht. Natürlich hilft es, die Ruhe, das Schweigen, die Aufnahmefähigkeit immer mehr zu erweitern... Dieser Eindruck von etwas so Unbewegtem, aber nicht Verschlossenem – unbewegt aber offen, unbewegt aber empfänglich – stellt sich durch die Anzahl der Erfahrungen ein. Es besteht ein großer Unterschied zwischen einem toten, eintönigen, unempfänglichen Schweigen und dem aufnahmefähigen Schweigen eines ausgeglichenen Mentals. Das macht einen großen Unterschied. Aber es ist das Ergebnis dieser Erfahrungen. Alle unsere Fortschritte sind immer das natürliche Ergebnis der Wahrheit, die von oben kommt.

Das hat eine Auswirkung: All diese Dinge haben eine Wirkung auf die Funktion des Körpers – auf die Funktion der Organe, des Gehirns, der Nerven usw. Das vollzieht sich sicherlich während einer sehr langen Zeit, bevor es eine Auswirkung auf die äußere Form hat.

Eigentlich denken die Leute vor allem an eine malerische Transformation, wenn sie von Transformation sprechen, scheint mir. An eine schöne Erscheinung! Leuchtend, geschmeidig, formbar, beliebig veränderlich. Aber an diese sehr wenig ästhetische Angelegenheit der Transformation der Organe denkt man nicht viel. Dennoch wird das sicherlich als erstes eintreten, lange vor der Transformation der Erscheinung.

Sri Aurobindo sprach davon, die Organe durch die Funktion der "Chakras" 1 zu ersetzen.

Ja, ja. Er sprach von dreihundert Jahren! (Mutter lacht)

(Schweigen)

Denn man braucht es sich ja nur zu überlegen, das ist leicht zu verstehen: Wenn es sich darum handelte, eines anzuhalten und ETWAS ANDERES zu beginnen, ließe sich das relativ rasch ausführen. Aber den Körper am Leben zu erhalten (so daß er weiterhin funktioniert) und ZUR SELBEN ZEIT eine neue Funktion so einzuführen, daß er am Leben bleibt, und die Transformation – das ergibt eine Kombination, die sehr schwer zu verwirklichen ist. Ich bin mir völlig im klaren über den enormen Zeitraum, der erforderlich ist, damit es ohne Katastrophe geschehen kann.

Besonders wenn wir zum Herzen kommen: Das Herz wird ersetzt durch das Zentrum der Kraft, eine ungeheure dynamische Kraft! (Mutter lacht) In welchem AUGENBLICK wird man den Kreislauf stoppen und die Kraft wirken lassen?

Das ist... sehr schwierig.

(Schweigen)

Nein, ich habe nicht viel zu sagen. Alles, was ich dir gerade sagte, kann nicht veröffentlicht werden. Es kann in die Agenda aufgenommen werden, aber es kann nicht veröffentlicht werden.

Es wäre nicht schlecht, wenn sich die Leute über die Arbeit klar würden.

Nein... Nun, du kannst es ja aufschreiben, dann werde ich sehen. Aber ich habe nicht viel zu sagen.

(Schweigen)

Im gewöhnlichen Leben denkt man die Dinge, und dann führt man sie aus – hier ist es genau das Gegenteil: In diesem Leben muß man erst handeln, und nachher versteht man – aber lange Zeit nachher. Erst muß man handeln, ohne zu denken. Wenn man denkt, erreicht man nichts Gutes. Das heißt, man kehrt zur alten Lebensweise zurück.

*
*   *

(Etwas später kommt Satprem zurück auf das letzte Gespräch über die Götter:)

Sind die Götter denn unabhängig vom menschlichen Bewußtsein? Sind sie nicht menschliche Schöpfungen?

Nein, ganz und gar nicht!

Etwas überraschte mich: Du sagst, die Gita, wie sie Sri Aurobindo erklärte, sei nicht übermental sondern supramental...

Sri Aurobindo sagte, in der Gita sei schon eine Ankündigung seiner Botschaft enthalten.

Gerade den Unterschied zwischen "der Sache" und dem Übermental hast du mir nicht genau erklärt.

Es ist die Erfahrung der Einheit.

Nein, aber der Unterschied der Vision – ich spreche von der Sicht. Du sagtest zum Beispiel, daß im Übermental die Gegenstände aus sich selbst leuchtend seien.

Ja, vom Übermental an.

Du wolltest sagen, daß die irdischen Gegenstände, die man sieht, leuchtend werden? 2

Nein, nein! Ich rede von allen Dingen, allen Formen im Übermental (die Kleidung der Götter, zum Beispiel, ihre Schmuckstücke, ihre Kronen – es gibt alle möglichen Dinge im Übermental), in all diesen Welten gibt es die verschiedensten Formen, die wir durch Bilder gleich denen des irdischen Lebens ausdrücken, aber das ist nur eine Übersetzung.

Nimm zum Beispiel die Kleidung der Götter. Rein durch ihren Willen ändern sie ihre Kleidung und ihre Formen – das ist eine übermentale Substanz, keine physische –, und sie enthält ihr eigenes Licht. So ist es mit allen Formen, alles ist... Dort scheint keine Sonne, die Schatten wirft, sondern die Substanz ist leuchtend aus sich selbst.

Und darüber, im Supramental?

Das Supramental...

(sehr langes Schweigen)

Schwierig zu erklären.

(Schweigen)

Wenn ich "Welt der Einheit" sage, meine ich nicht nur, daß man das "Gefühl" hat, daß alles eins ist und daß es etwas ist, das sich innerhalb dieses Einen abspielt, sondern es ist die Einheit in dem Sinne, daß man die Konzeption der Handlung, den Willen zu handeln, die Handlung selber und das Resultat nicht unterscheiden kann. Es ist... Alles ist eins, gleichzeitig.

Aber wie? Man kann es nicht erklären! Man kann nicht! Man kann einen Einblick in die Erfahrung haben, aber... eigentlich ist es unaussprechlich, uns fehlen die Mittel, es auszudrücken.

Zu sagen "alles ist gleichzeitig", ist eine Banalität.

Unsere Ausdrucksweise geht immer von unten nach oben. Wie ich oft sage: Wir brauchen andere Worte und eine andere Art des Ausdrucks.

Du sagst, ich hätte deine Frage nicht verstanden – ich habe deine Fragen vollkommen verstanden, ich weiß sehr wohl, was du meintest, aber was kann man dazu sagen! Man kann nicht darüber sprechen. Der Beweis ist: Wenn man darüber sprechen könnte, wäre es bereits hier. Und selbst dann würde man wahrscheinlich nicht darüber sprechen.

Man kann nicht darüber sprechen, man kann nichts sagen. Alles, was man sagt, sind Dummheiten! – Natürlich kann es nichts sein als Dummheiten.

(Schweigen)

Die menschlichen Konzeptionen auf ihrem höchsten Niveau und auf dem Gipfel ihrer Möglichkeiten können ALLERHÖCHSTENS mehr oder weniger gute Erklärungen des Übermentals abgeben. Für mich ist es sehr lebendig, weil ich dort viel gelebt habe, es ist mir sehr vertraut, aber ich halte die Worte für unzureichend, um darüber zu sprechen. Zur Not kann man höchstens mit "poetischen" Analogien einen Eindruck vermitteln. Doch ich bin mir völlig bewußt: Um von der "Anderen Sache" zu sprechen, muß man... Selbst im Moment der Erfahrung möchte man nur Eines: nichts sagen. Sobald man ein Wort ausspricht, pluff, und es verdunkelt sich alles. Sinnlos.

Aber physisch, du siehst zum Beispiel diesen Gegenstand [Satprem nimmt einen Briefbeschwerer]. Ich sehe ihn auf eine gewisse Art, und du, mit einem supramentalen Bewußtsein?

Ich sehe hindurch, das ist alles.

Aber das ist nichts!

Wie siehst du hindurch?

Ja, das heißt, daß dahinter eine leuchtende Schwingung ist, die ich sehen kann. Aber mir ist völlig klar, daß das eine das andere nicht ausschließt.

Auch die Leute sehe ich nicht, wie sie sich sehen, ich sehe sie mit der Schwingung aller Kräfte, die in ihnen sind und die durch sie gehen, und sehr oft mit der höchsten Schwingung der Gegenwart. Das bewirkt, daß meine physische Sicht nicht eigentlich verschwindet, aber ihre Beschaffenheit verändert sich, denn die physische Präzision der normalen physischen Sicht ist für mich... lügnerisch. Instinktiv (nicht, weil ich so über sie denke) IST das so. Also habe ich nicht mehr diese Präzision der Beobachtung, die darauf angelegt ist, nur die Oberfläche der Dinge zu sehen.

Aber das hindert mich nicht daran, physisch zu sehen – wenn es auch manchmal bewirkt, daß ich nicht sicher bin: Wer ist das? Denn ich sehe eine Schwingung, die oft in drei oder vier Personen sehr ähnlich, fast identisch ist – Personen, die nicht notwendigerweise alle da sind, aber jedenfalls... So besteht nur ein kleiner äußerer Unterschied. Für die Erscheinung der Form ist es ein sehr großer äußerer Unterschied, aber für die Kombination der Vibrationen besteht nur ein kleiner äußerer Unterschied. Deshalb bin ich manchmal unsicher, ich weiß nicht, ob es dieser oder jener ist, und frage: "Wer ist da?" – Es ist nicht so, als sähe ich nichts, aber ich sehe nicht auf dieselbe Art.

Ich glaube, in gewisser Weise sehe ich besser. Aber auf eine besondere Art. Wenn ich zum Beispiel eine Nadel einfädeln muß (ich machte Versuche dieser Art), wenn ich versuche, die Nadel einzufädeln, während ich hinsehe, ist es buchstäblich unmöglich, aber manchmal, wenn ich in einer gewissen Verfassung bin und es nötig ist, die Nadel einzufädeln, fädelt sie sich von selbst ein, ich tue nichts – ich halte die Nadel, und ich halte den Faden, das ist alles.

Das ist ganz einfach eine Frage der Erfahrung, und ich glaube, wenn dieser Zustand sich vervollkommnet, müßte man alles durch das ANDERE Mittel erreichen können, das nicht von äußeren Sinnen abhängig ist. Offensichtlich wäre das der Anfang einer supramentalen Ausdrucksform. Denn es ist eine Art innewohnendes Wissen, das die Dinge AUSRICHTET. Wenn Das kommt, dann weiß man, dann kann man.

Aber man darf nicht denken – sobald man denkt oder seine Sinnesorgane benutzen will, verschwindet es vollkommen.

In diesem Bereich des Ausdrucks ist das erste, was über einen kommt... keine Unmöglichkeit, aber man WILL NICHT reden.

Etwas anderes ist vonnöten, etwas ganz anderes.

Wir müssen warten. Warte, bis es kommt!

(Schweigen)

Aber was du da sagst [Satprem deutet auf den Briefbeschwerer], meinst du damit nicht das, was man als eine "hellseherische" Vision bezeichnet?

Nein, nein!

Ist es eine supramentale Vision?

Ja.

Eine Hellseherin sähe nicht so?

Nein. Es ist das Eindringen des supramentalen Bewußtseins.

Was bewirkt, daß du durch die Gegenstände oder durch die Wesen etwas anderes siehst.

Es hat nichts mit all den Visionen zu tun, die ich früher hatte.

Ich kenne diese neue Vision: es ist keine "Vision"! Ich kann nicht sagen, es sei ein Bild, sondern es ist ein Wissen. Ich kann nicht einmal sagen, daß es ein Wissen ist, es ist... etwas, das ALLES zugleich ist, das seine eigene Wahrheit enthält.

Laß es sich einspielen! Wenn es sich gefestigt hat, werden wir wieder darüber sprechen! (Mutter lacht)

Ich stelle dir Fragen, weil ich ein Buch schreibe.

Ach, sprich lieber nicht darüber in deinem Buch! Sonst sagt man dir, du seiest völlig verrückt (Mutter lacht).

 

1 Chakras: Bewußtseinszentren.

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2 In der Tat war ich immer auf der Suche nach derselben Antwort: Inwiefern ändert die andere Vision unsere Sicht der Materie – wie erscheint die wahre Materie?

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