SITE OF SRI AUROBINDO'S & MOTHER'S  YOGA
      
Home Page | 07 Bande

Mutters

Agenda

siebenten Band

24. August 1966

(Normalerweise trifft Satprem Mutter um zehn Uhr morgens. Allmählich wurde diese Zeit jedoch auf 10 Uhr 30 verschoben, und an diesem Morgen verließen die Sekretäre das Zimmer erst um 10 Uhr 45. Aufgrund der "äußerst dringenden" oder "sehr wichtigen" Mitteilungen wurden Mutters Gespräche mit Satprem seit einem Jahr immer spärlicher, wie diese Agenda zeigt. Die Situation wird sich bis zum Schluß noch weiter verschlimmern, bis Mutter, überwältigt und erschöpft, Satprem nur noch einige wenige Augenblicke lang nach zwölf Uhr sehen kann. Und dann wird sich die Tür ganz schließen.)

Es ist völlig absurd! Wenn ich nicht laut geworden wäre, hätten sie mich noch eine weitere halbe Stunde festgehalten... Ein idiotisches Leben. Ich fange mit einer Arbeit an, wenn ich schon damit fertig sein sollte. Nachmittags ist es dasselbe... An manchen Tagen sind es 45 bis 50 Leute. Kürzlich empfing ich an einem Tag 75 Leute, ohne die gerechnet, die sowieso jeden Tag kommen. Um mich zu trösten, habe ich mich an die Zeit erinnert, als ich auf dem Sportplatz zweitausend Leute sah... aber das dauerte nur eine Stunde.

Kaum ist ein Kind krank, bringen sie es zu mir. Ist es taubstumm, bringen sie es zu mir. Ist es ein bißchen blöde, bringen sie es zu mir. Hat es epileptische Anfälle, bringen sie es zu mir. Und dann werfen sie es mir (lachend) buchstäblich auf den Schoß mit der Idee, ich werde es heilen!

Zur Belohnung... (Mutter weist lachend in eine Zimmerecke, in der eine Reihe neuer Regenschirme steht) habe ich Regenschirme bekommen – willst du einen Regenschirm?

Zum Schutz gegen Lawinen? Nein, ich habe schon einen.

(Mutter lacht herzhaft und fährt dann fort) Während ich esse, bringen sie mir Geburtstagskarten zum Unterschreiben, zusammen mit dem Essen. Beim Frühstück esse ich ein bißchen, dann schreibe ich die Karten, dann esse ich wieder ein bißchen, darauf bittet man mich um Termine... so ist das.

Du bräuchtest jemanden, der für Ordnung sorgt.

Ich glaube, sie würden ihn rauswerfen.

Ein sehr klares Indiz dafür, daß sie mehr unter dem Einfluß der Leute stehen als unter dem des Göttlichen. Denn immerhin gestaltet dies die Arbeit etwas schwierig. Ich habe die ganze Zeit den Eindruck, daß ich, statt dem Willen von oben Folge zu leisten, gezwungen bin, mich dem Ansturm der von außen kommenden Willensregungen zu beugen, und es gibt nichts auf der Welt, was mich mehr ermüdet. Ich kann ohne Unterbrechung arbeiten, wenn es von oben kommt; aber diese Dinge, die im Widerspruch zum Rhythmus stehen, sind schrecklich ermüdend. Ich bin in einem Zustand nervöser Erschöpfung – nicht "nervös" im üblichen Sinne, denn das ist völlig unter Kontrolle. Es sind vielmehr die Nerven selbst, die müde sind. Wenn ich ein, zwei Minuten wirkliche Ruhe habe, dann kommt alles wieder in Ordnung. Aber mit dieser ganzen Lawine sich aufdrängender minderwertiger Willenskräfte fangen die Nerven an zu vibrieren und zu schmerzen. Sie sind furchtbar dumm!

*
*   *

(Anfang und Ende des folgenden Gesprächs konnten wegen einer mechanischen Panne nicht aufgezeichnet werden, nur der mittlere Teil, den wir hier wiedergeben. Es handelte sich dabei um eine Erfahrung Mutters. Sie beschrieb den Ort, an dem Satprem sich gewöhnlich nachts "ausruht" und von dem er die Atmosphäre für sein gegenwärtiges Buch bezieht: ein in Farbe und Substanz sehr harmonischer Ort. Dann erzählt Sujata Mutter einen Traum, den sie vor ein paar Tagen hatte:)

Als du an diesen Ort der Harmonie gingst, spieltest du da Musik? Ich habe dich nämlich gesehen, wie du Musik für ihn spieltest.

Ach, das ist etwas anderes. Es ist möglich, ich weiß nicht... Aber in der letzten oder vorletzten Nacht hatte ich plötzlich den Eindruck, daß mir jemand sagte: "Das beste Mittel, dir zu helfen, ist nicht Meditation sondern Musik." Dann war es, als ob ich Harmonien erschaffen hätte und sie dir für dein Buch schickte.

(Sich an Sujata wendend:) Wann hattest du den Traum?

Vorgestern.

Dies war vor zwei oder drei Tagen. Versteht ihr, ich dachte an die Ungewißheit und die mangelnde Regelmäßigkeit unserer Treffen (wegen der Lawine der Sekretäre) und fragte mich: "Was tun?" Denn wir haben Arbeit zu erledigen, und sie muß getan werden, aber davon abgesehen haben wir für nichts mehr Zeit. Da sagte "man" mir, daß dir vielleicht Musik helfen könnte. Aber ich bin völlig außer Übung, und da ich nicht mehr materiell spielen kann, dachte ich mir: "Ich kann ihn mit musikalischen Wellen in Verbindung bringen." Denn die sind ununterbrochen da – wirklich wunderbar. Vielleicht führte mich das an diesen Ort (wo Satprem sich ausruht), was (sich an Sujata wendend) deinen Traum auslöste. Sicherlich gab mir das diese Erfahrung... Die Musik fiel mir nicht besonders auf, aber es war ein äußerst harmonischer Ort: die Atmosphäre war harmonisch, die Farben waren harmonisch, die Klänge waren harmonisch. Folglich muß es dort Musik gegeben haben.

Aber ich erinnere mich, daß mir beim Aufwachen einfiel, daß ich zum letzten Mal an deinem Geburtstag gespielt habe.

Sunil bat mich, für ihn zu spielen; ich sagte ihm, daß ich nicht mehr spiele: "Ich kann nicht mehr spielen, meine Hände sind aus der Übung." Ich kann das, was kommt, nicht mehr umsetzen. Ich höre die Musik zwar, aber ich kann sie nicht mehr umsetzen. Wie etwas, das vergessen wurde. Da meinte er, das mache nichts, selbst wenn ich nur ein paar Noten spiele, drei, vier Noten, würde das genügen. Es ist mir aber schon aufgefallen, daß ich das erste Mal nach einer langen Unterbrechung viel besser spiele als sonst. Verstehst du, ich bemühe mich immer darum, daß etwas anderes durch mich hindurch spielt, weil ich es selber nicht mehr kann. Seit wann? Seit mindestens sechzig Jahren spiele ich nur noch ganz gelegentlich, und so ist das ganze Können der Hände weg. Sie sind ungeschickt, sie können nicht mehr spielen. Ich bin lediglich bestrebt, daß sich jemand anderer dieser Hände bedient, sei es ein musikalischer Geist oder eine musikalische Wesenheit. Und im allgemeinen gelingt das beim ersten Mal recht gut. Danach fangen die Hände wieder an und wollen es "selbst versuchen", und dann ist es aus. Es muß absolut plastisch sein, ohne persönlichen Willen.

Auf dieser elektrischen Orgel konnte ich nie sehr gut spielen; auf meiner großen Orgel, die ich vorher hatte, ging es viel besser, es war viel einfacher für mich. Diese hier ist sehr kompliziert und so mechanisch – sehr mechanisch. Ein bißchen zu mechanisch modern, und sie reagiert nicht so gut auf den vitalen Einfluß wie meine alte Orgel. Die mußte ich mit den Füßen bedienen, und die Füße brachten eine solche Kraft hinein! Durch das Betätigen der Blasebälge wurde eine solch kraftvolle Schwingung erzeugt. An diese hier hätte ich mich gewöhnen müssen, um sie zum Schwingen zu bringen. Sie kommt mir wie eine hohle Schale vor, es steckt keine Seele dahinter – wie eine leere Hülse. Weißt du, der Resonanzboden ist sehr aufnahmefähig. Bei einem Klavier spricht alles an: der Resonanzboden, die Tasten, die Saiten. Sie reagieren auf die Kraft. Man kann sie sogar zum Schwingen bringen, ohne die Tasten zu berühren. Dieser elektrische Apparat hingegen ist nur eine leere Hülle...

in French

in English