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Mutters

Agenda

zweiten Band

17. März 1961

Aphorismus 57 – Weil der Tiger entsprechend seiner Natur handelt und nichts anderes kennt, ist er göttlich, und in ihm ist kein Übel. Wenn er sich Fragen stellte, wäre er ein Verbrecher.

Was wäre der wirklich "natürliche" Zustand des Menschen? Warum stellt er sich Fragen?

Der Mensch ist auf der Erde 1 ein Übergangswesen, und folglich durchlebt er im Laufe seiner Evolution der Reihe nach verschiedene Naturen, die einer aufsteigenden Kurve folgten und solange folgen werden, bis er die Schwelle der supramentalen Natur erreicht und sich in den Übermenschen verwandelt. Diese Kurve ist die Spirale der mentalen Entwicklung.

Wir neigen dazu, jede spontane Manifestation als "natürlich" zu bezeichnen, die nicht das Ergebnis einer Wahl oder einer vorbestimmten Wahl ist, das heißt ohne Eingreifen der mentalen Tätigkeit. Wenn der Mensch eine sehr wenig mentalisierte vitale Spontaneität zeigt, erscheint er uns deshalb "natürlich" in seiner Einfachheit. Aber das ist eine dem Tier sehr nahe Natürlichkeit und liegt ganz unten auf der evolutionären Stufenleiter des Menschen. Diese Spontaneität ohne mentalen Eingriff wird er erst wiederfinden, wenn er die supramentale Stufe erreicht, das heißt, das Mental überschreitet und in der höheren Wahrheit auftaucht.

Bis dahin sind alle seine Seinsweisen in natürlicher Weise natürlich! Aber mit dem Mental wurde die Evolution... man kann nicht sagen verfälscht, aber entstellt, denn aufgrund seiner Beschaffenheit stand das Mental der Perversion offen und wurde fast von Anbeginn pervertiert (wurde von den asurischen Kräften pervertiert, um genauer zu sein). Und dieser Zustand der Perversion gibt uns jetzt den Eindruck, nicht natürlich zu sein. Jedenfalls ist es eine Entstellung.

Du fragst, warum er sich Fragen stellt? Aber weil das die Eigenschaft des Mentals ist!

Mit dem Mental trat die Individualisierung auf, mit einem sehr scharfen Gefühl der Trennung und einem mehr oder weniger genauen Eindruck einer Wahlfreiheit – all das, all diese psychologischen Zustände sind die natürliche Folge des mentalen Lebens und öffnen all dem die Tür, was wir jetzt sehen, von den Aberrationen bis zu den rigorosen Prinzipien. Und dieser Eindruck des Menschen, daß er zwischen einer Sache und einer anderen wählen kann, ist die Entstellung eines wahren Prinzips, das erst mit dem Auftreten der Seele oder des psychischen Wesens im Bewußtsein vollkommen verwirklicht werden kann: wenn die Seele die Herrschaft des Wesens in die Hand nimmt, dann wird das Leben des Menschen wirklich der individuelle, bewußte Ausdruck des Höchsten Willen sein. Aber im normalen menschlichen Zustand ist das noch eine äußerst seltene Ausnahme, die dem gewöhnlichen menschlichen Bewußtsein überhaupt nicht natürlich erscheint – sie erscheint fast übernatürlich!

Der Mensch stellt sich Fragen, weil dieses mentale Instrument geschaffen wurde, um alle Möglichkeiten zu sehen, und der Mensch unter dem Eindruck steht, die Freiheit der Wahl zu haben... die sofortige Konsequenz ist der Begriff von Gut und Böse, Richtig und Falsch, und alles Elend, das daraus folgt. Man kann es nicht als etwas Schlechtes bezeichnen: es ist ein Zwischenstadium – kein sehr angenehmes Stadium, aber nun... sicherlich war es unvermeidlich für die volle Entwicklung.

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Heute morgen zwischen zwei und drei Uhr hatte ich eine Erfahrung... etwas aus dem Unterbewußten: schrecklich, mein Kind! Eine solche Darbietung (disclosure ist das wahre Wort) einer fürchterlichen Wirkungslosigkeit! Schamhaft.

Die Erfahrung geschah in einem Ort wie hier [das Hauptgebäude des Ashrams], aber riesig, die Räume waren zehnmal größer als hier, jedoch völlig... man kann nicht sagen leer: sie waren nackt. Nicht, daß in ihnen nichts war, sondern nichts war geordnet. Alle Dinge lagen dort, wo sie nicht sein sollten: es gab keine Möbel, deshalb sah man die Dinge überall herumliegen – eine Unordnung! Fürchterlich. Die Dinge wurden zu Zwecken benutzt, für die sie nicht bestimmt waren, und das Nötige für einen bestimmten Zweck war nie vorhanden. Der ganze Teil, der die Erziehung betraf [die Ashramschule], befand sich in fast totaler Finsternis: es gab keine Lichter oder man konnte sie nicht einschalten und die Leute gingen umher und machten mir zusammenhanglose und idiotische Vorschläge. Ich versuchte, eine Ecke zu finden, um mich auszuruhen (nicht weil ich müde war, sondern um mich ein wenig zu konzentrieren und zu versuchen, in all dem etwas klar zu sehen), und es war unmöglich – keiner ließ mich in Ruhe. Schließlich stellte ich einen wackeligen Sessel und einen Hocker für die Füße nebeneinander und versuchte mich "auszuruhen", doch augenblicklich kam jemand (ich weiß wer, aber ich sage den Namen absichtlich nicht) und sagte mir: "Oh, das geht überhaupt nicht! Das KANN NICHT so hingestellt werden!" und er fing an, Lärm, Bewegungen, Unordnung zu machen – jedenfalls war es fürchterlich.

Schließlich kam ich in Sri Aurobindos Zimmer – ein riesiges Zimmer, riesig! – aber in demselben Zustand. Er schien sich in einem ewigen Bewußtsein zu befinden, vollkommen losgelöst von allem, aber mit einer sehr klaren Wahrnehmung unserer völligen Unfähigkeit.

Er hatte nichts gegessen (wahrscheinlich, weil man ihm nichts gegeben hatte), und als ich eintrat, fragte er mich, ob es möglich wäre, ein Frühstück zu bekommen. Ich sagte: "Ja, ja! Ich werde es holen" – ich glaubte, ich würde es fertig vorfinden. Aber ich mußte eine ganze Jagd machen, um etwas zu finden: es war in Schränke gestopft (falsch noch dazu), alles in Unordnung – abscheulich, wirklich abscheulich. Ich rief jemanden (der schlief und mit schläfrigen Augen kam) und bat ihn, Sri Aurobindos Frühstück zuzubereiten, aber dann hatte er seine festen Ideen und Prinzipien (genau wie er im Leben ist). Ich sagte ihm: "Machen Sie schnell, Sri Aurobindo wartet." Sich beeilen? Unmöglich! Die Dinge mußten gemäß seiner Auffassung geschehen. Mit einer Ungeschicktheit, einer schrecklichen Unfähigkeit. Kurz, es dauerte endlos, um ein ziemlich ungeschicktes Frühstück aufzuwärmen.

Dann kam ich mit meinen Tellern bei Sri Aurobindo an. Sri Aurobindo sagte mir: "Oh, das hat so lange gedauert, jetzt will ich erst baden." Da schaute ich mein armes Frühstück an und dachte mir: "Jetzt hatte ich so viel Mühe, es warm zu bekommen, und nun wird es kalt werden." All das war so trist und TRAURIG.

Und er war, als lebte er in einer Ewigkeit. Aber vollkommen bewußt von... unserer völligen Unfähigkeit.

Es war so traurig zu sehen, wie wir zu nichts taugten, daß es mich aufweckte, besser gesagt, ich hörte die Uhr schlagen (wie neulich, als ich nicht zählte und aus meinem Bett sprang, dann merkte ich, daß es erst drei Uhr war, und legte mich wieder hin). Da begann ich zu "schauen" und sagte mir: "Also wirklich, wenn wir aus dieser... Unfähigkeit herauskommen müssen, bevor irgend etwas wirklich Nützliches getan werden kann, dann haben wir noch einen Weg vor uns!" Beklagenswert, beklagenswert (zuerst auf mentaler Ebene, dann auf materieller Ebene), wirklich beklagenswert. Und ich hing von diesen Leuten ab! (Sri Aurobindo hing von mir ab, und folglich von ihnen), ich hing von diesen Leuten ab und sagte mir: "Um Gottes Willen! Wenn ich nur wüßte, wo die Dinge sind! Hätte man mich die Sache wirklich DURCHARBEITEN lassen, wäre es schnell getan worden." – Aber nein! Es war nötig, über all diese Leute zu gehen! (Wie es auch im Leben ist: man hängt immer von Vermittlern ab.)

Das gab mir zu denken.

(Schweigen)

Letztes Mal, als ich dir diese Erfahrung erzählte [am 11. März], wo ich dir nachts begegnete und dir "Auf Wiedersehen" sagte, erzählte ich dir einen äußerst wichtigen Punkt nicht, eigentlich das Wichtigste: ich verließ endgültig – endgültig – die Unterwerfung unter die mentalen Abläufe. Das war die Bedeutung meiner "Abreise".

Seit sehr langer Zeit sehe ich alle Phasen der Unterwerfung unter die mentalen Abläufe (seit sehr langer Zeit), eine nach der anderen löst sich auf. Und in jener Nacht war es das Ende, die letzte Phase: ich verließ die Unterwerfung unter die mentalen Abläufe, um mich in einen Bereich der Freiheit zu erheben. Du hattest mir sehr geholfen, du warst sehr, sehr lieb, das sagte ich dir. Aber heute war es etwas anderes! Es hielt mir unsere Unfähigkeit unter die Nase.

Du siehst, wie es geht!

Eine Sache nach der anderen, eine nach der anderen! Dieses Unterbewußte ist... endlos, endlos, wenn du wüßtest... Und ich erspare dir die Einzelheiten, oh, von einer Idiotie! Jener, der das Frühstück so ungeschickt zubereitete, den ich nicht nenne, sagte mir: "Oh, ja, heute ist Sri Aurobindo etwas... verdrießlich, er ist deprimiert." Ich hätte ihn ohrfeigen können: "Idiot! Du verstehst also überhaupt nichts!" Und Sri Aurobindo schien sich nicht manifestieren zu wollen, war sich aber vollkommen unserer Unfähigkeit bewußt.

(Schweigen)

Jetzt muß ich dazusagen (wenn das ein Trost ist), daß jedesmal, wenn so etwas nachts in das Bewußtsein hochkommt, dann geht es hinterher besser. Das geschieht nicht vergeblich, eine Arbeit wird dadurch geleistet – säubern, säubern, säubern. Aber es gibt viel davon!

Hat das trotzdem eine Auswirkung auf das Bewußtsein der Leute – ich meine auf ihr äußeres Bewußtsein?

Ah!... Nicht viel!

Ja und nein, denn es gelingt mir, einen allgemeinen Fortschritt zu erreichen. Manche sind individuell empfänglich (manche sind sogar erstaunlich empfänglich: sie empfangen die genau Suggestion, genau auf dem betroffenen Punkt), aber das ist einer unter hundert – das ist noch eine Übertreibung.

Doch eine gewisse Macht über die Umstände wird mir gegeben: als würde ich mich darüber erheben und hätte die Macht, dieses Unterbewußte etwas durchzukneten. Das hat natürlich eine Auswirkung: ganze Bereiche werden beherrscht. Das ist das Wichtigste. Danach erhalten die Individuen die Rückwirkungen, denn sie sind sehr... verhärtet! Ein Mangel an Plastizität.

Zum Beispiel der Junge, den ich nicht nennen will, mit ihm arbeite ich seit... sicherlich mehr als dreißig Jahren, trainierte ihn für die Arbeit – aber mir ist nicht gelungen, ihn die Dinge spontan entsprechend den Notwendigkeiten des Augenblicks tun zu lassen, ohne seine vorgefaßten Ideen (an diesem Punkt sitzt sein Widerstand). Wenn dann zu einer gegebenen Zeit etwas schnell getan werden muß, folgt er seiner gewohnten Regel, und es dauert... es nimmt kein Ende! Letzte Nacht wurde das in sehr hervorstechender Weise illustriert! Ich sagte ihm: "Aber sehen Sie: das steht dort – DORT – machen Sie schnell, wärmen Sie es etwas, und ich laufe damit." Ah! (Er protestierte nicht, er sagte nichts)... Aber er tat GENAU, wie es seiner Auffassung entsprach. Eine schreckliche Versklavung an dieses niedrige Mental. Und das ist so weitverbreitet! Oh! All, all die Geschichten mit der Schule und der Erziehung, all diese Professoren... 2 schrecklich, schrecklich, schrecklich! Und ich versuchte, die Lichtschalter zu betätigen, ich wollte Licht schaffen – kein einziger funktionierte!

Natürlich sind dies etwas übertriebene Bilder, weil sie sich getrennt vom Rest zeigen: in der Gesamtheit überkreuzen sich viele Dinge und vervollständigen einander, die einen verringern die Bedeutung der anderen. Doch dort, in einer Erfahrung wie letzte Nacht, wird es herausgenommen, isoliert betrachtet, wie unter einem Vergrößerungsglas. Jedenfalls ist es... eine gute Lehre.

Die Wirkungslosigkeit...

Gut.

Und all das VOR ALLEM, weil jeder in seiner kleinen persönlichen Formation eingeschlossen ist (Mutter zeichnet eine Kapsel), Formation des ordinärsten Mentals, des Mentals, das den Aufbau des täglichen Lebens bildet, wie in einem engen Gefängnis.

 

1 Als Satprem später fragte, ob dieses "auf der Erde" nicht überflüssig wäre, antwortete Mutter: "Diese Angabe ist nicht überflüssig: ich sagte "auf der Erde", weil der Mensch essentiell ein universelles Wesen ist, aber er hat eine besondere Manifestation auf der Erde."

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2 Hier ließ Mutter eine Passage entfernen.

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