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Mutters

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vierten Band

20. November 1963

Was gibt es Neues? Wie geht es dir?

Es geht so.

Nicht allzu gut?

Nein, nicht besonders.

Geht es dir gesundheitlich nicht gut?

Auch nicht besonders gut.

Was ist es denn?

Innerlich geht es mir auch nicht gut.

Ach, das ist es also! Und was ist es innerlich? Willst du es nicht sagen?

Ich bin etwas... desillusioniert.

Weshalb?

Mein Glaube besteht unverändert fort. Aber abgesehen von einer bestimmten Anzahl von Dingen, die ich tun muß und für die ich auch präzise Hilfe bekomme, wirkliche Hilfe von oben, habe ich den Eindruck, daß sich rein gar nichts tut. Verstehst du, nun bin ich schon seit zehn Jahren hier – und nichts tut sich. Nicht daß es mir an Glauben mangelte – aber ich sehe überhaupt keine Weiterentwicklung.

Vielleicht nicht die Entwicklung, die du erwartest.

Mir geht es um eine Bewußtseinsentwicklung: man SIEHT. Ich weiß nicht, man muß doch sehen!

Ah! Es geht immer noch ums "Sehen".

Aber ja!

Das ist nicht notwendig, manche Leute erreichen die Verwirklichung, ohne zu sehen.

Mir erscheint das sehr unvollständig. Da ist kein Bewußtsein.

Kein Bewußtsein?

Nein.

Bist du dir nicht bewußt?

Worüber denn?

(Schweigen)

Mein Glaube schwankt nicht: das ist die Wahrheit, darüber besteht kein Zweifel; auch wenn zwei Jahrhunderte lang nichts geschähe, wäre dies dennoch die Wahrheit, aber...

Ach, zwei Jahrhunderte sind nichts! Zwei Jahrtausende, mein Kind, sieh... du hast es viel zu eilig!

Mir schien es wirklich... Als ich mit dem Yoga begann, schien es mir ganz natürlich: man tut eine bestimmte Sache und gelangt zu dem und dem Resultat – das erschien mir eindeutig. Diese Eindeutigkeit ist ins Wanken geraten.

Ja, das spürte ich. Stell dir vor, in letzter Zeit, ungefähr seit zwei oder drei Wochen machte sich eine Art craving [Verlangen, Durst] nach Ergebnissen spürbar (was du "Resultate" nennst). Mir kam es vor wie "Ergebnisse". Ich sagte mir: "Komisch, nie im Leben habe ich so etwas verspürt, mir ist das doch vollkommen gleichgültig, warum also dieses Bedürfnis?" – Ständig befallen mich deine Krankheiten! Sag mal, das ist nicht nett! (Lachen)

Ah, jetzt verstehe ich! Ich fragte mich: "Woher kommt das bloß?..."

Gut.

Das wird vorübergehen. Es wird vorübergehen.

(Schweigen)

Auf sehr objektive aber subtile Weise ließ man mich Resultate sehen, die in ihrem Ausmaß unbedeutend, in ihrer Qualität jedoch UNGEHEUER sind, hörst du, ungeheuer. Und das mit einem Lächeln, als mache man sich über mich lustig: "Aha, du willst Resultate? Hier hast du sie. Du willst Wirkungen? Da sind sie." Woraufhin man noch hinzufügte (du weißt, daß das, was ich als "geringfügig" bezeichne, die ganz kleinen Umstände jeder Minute des Lebens betrifft): "Du willst WELTWEITE Resultate? Aber diese hier sind aufgrund ihrer Qualität weitaus beachtlicher als das, was du sehen kannst." Und tatsächlich sah ich winzig kleine Dinge, Bewußtseinsregungen in der Materie, mikroskopische Dinge, die... in ihrer Qualität wirklich verblüffend waren und die man nie bemerkt, weil sie keinerlei äußere Bedeutung haben. Nur wenn man sie sehr scharf beobachtet, bemerkt man sie, denn es sind Bewußtseinsphänomene der Zellen – bist du dir deiner Zellen bewußt?

(Satprem schüttelt den Kopf)

Nein? Dann werde dir deiner Zellen bewußt, und du wirst sehen, daß es Resultate gibt!

In den letzten Tagen kam es wie... wie Beweise – Beweise, die jeden Zweifel zunichte machen – Beweise der Allgegenwart des Höchsten IN DER SCHEINBAR UNBEWUSSTESTEN MATERIE; etwas so Ungeheures, daß es der rationale Verstand kaum zu glauben vermag. Aber er wird dazu gezwungen. Nur gewahrt man es erst, wenn man diesen äußerst feinen Aufmerksamkeitsgrad erreicht hat und wenn man sich, anstatt große Dinge zu suchen, die viel Lärm, viel Bewegung und einen blendenden Anschein erwecken, damit begnügt, die winzig kleinen Dinge zu beobachten, die unserem anmaßenden Verstand absolut unbedeutend erscheinen, die für den Herrn aber als überwältigende Beweise gelten.

Aber ich brauche keine Beweise! – Ich zweifle keine Sekunde lang, in meinem Bewußtsein besteht kein Zweifel.

Was fehlt dir dann?

Ach, ich sage mir, daß ich nichts tauge! Ich bin unfähig. Das ist alles.

Das ist nicht wahr!

Warum bin ich dann nicht bewußt?

Das ist eine Lüge, mein Kind!

Aber ich weiß nichts von dem, was geschieht. Morgens erwache ich zum Beispiel und weiß keine Sekunde lang, wo ich in der Nacht war.

Und ich versuche ständig, mich nicht zu erinnern!... Ich habe alle Mühe der Welt, dies zu erreichen – es gelingt mir, es fängt an zu gelingen. Ich lege mich schlafen und sage mir: "Herr, um Deiner Liebe willen, laß mich selig und ruhig ruhen, ohne... all den unnötigen Kram des Lebens und der Leute zu sehen." Ich erwache ungefähr vier- oder fünfmal in der Nacht, genauer gesagt: ich kehre aus meiner Trance in das äußere Bewußtsein zurück, und jedesmal stelle ich fest, daß irgendein Ereignis stattgefunden hat, aber sofort kommt etwas und macht brrt... (Geste des Wegwischens), eben weil ich darum gebeten hatte, und so geht es wieder weg. Weißt du, der Herr ist voller Humor (Mutter lacht), viel mehr, als wir glauben, denn Er läßt mich gerade noch den Zipfel von etwas erkennen, das plötzlich äußerst interessant und aufschlußreich erscheint (kürzlich wurde ich mit den politischen Geschehnissen des Landes in Kontakt gebracht), natürlich kam dann auf meine dumme Bitte hin, sobald ich erwachte, sobald ich mein äußeres Bewußtsein wiederfand, etwas, das brrt machte... Und weg war es! Ich machte einen kurzen Versuch, es noch zu erwischen, aber da hörte ich jemanden lachen: "Siehst du!..."

Im Grunde läßt sich aus all dem schließen, daß wir Dummköpfe sind. Wir wollen stets das, was man uns nicht gibt, und das, was man uns gibt, wollen wir nicht, wir vermischen die liebevolle Fürsorge des Herrn, die Er über uns walten läßt, mit allen möglichen persönlichen Wünschen.

Aber ich kann Unbewußtheit nicht als liebevolle "Fürsorge" bezeichnen. Wenn ich unbewußt bin, empfinde ich das als etwas Mangelhaftes.

Bist du denn unbewußt?

Aber ja, worüber bin ich mir schon bewußt?

Mein Kind...

Ich bin mir meines eigenen Lärms bewußt, meines eigenen Krachs, meiner Geschichten – dessen bin ich mir bewußt.

(Mutter lacht) Ich erinnere mich, nicht während der Nacht, sondern am Tag, als ich auf und ab ging, machte mir der Herr Komplimente über dich.

Also wirklich!

Nicht auf diese Art, nicht wie wir Komplimente verstehen, nein. Ich suchte Einblick in die Art und Weise, wie die Wahrheit mentaler Kapazitäten bedarf, um sich auszudrücken (denn man soll das Mental ja zum Schweigen bringen, und wenn es einem gelingt, ist das sehr gut, aber dies ist kein Ziel an sich, sondern lediglich ein Mittel, um seine Funktionsweise zu ändern), ich betrachtete also die Art, in der das Mental im wahren Leben funktionieren soll (im supramentalen Leben, denn Sri Aurobindo sagte, daß er mit "Supramental" die Manifestation der Wahrheit und des Lichts bezeichnete). Ich beobachtete das also, ich unternahm eine Art weltweiter Bestandsaufnahme und fragte mich gerade: "Gibt es auf der Erde geistige Kapazitäten, die bereit sind, diese Schwingung richtig zu empfangen und zu manifestieren (vor allem manifestieren)?" Ich hörte den Herrn etwas sagen (ich übersetze natürlich): "Aber warum suchst du so weit weg? Du hast das richtige Instrument ganz in deiner Nähe." Und das warst du. Da sagte ich mir: "Gut so!"

Ich äußerte seinem Urteil gegenüber keine Zweifel.

Aber da du protestierst oder ungeduldig wirst... Er zeigte mir auch, wie der Lichttropfen zerbarst, erstrahlte und durch deine Mentalität drang, ohne sich zu verdunkeln – das war sehr schön anzusehen.

Ich sagte nichts davon, weil... ist es denn nötig, Komplimente zu machen? Die Tatsache selbst war wichtiger als das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Aber da du unzufrieden bist, sage ich es dir hiermit. Vielleicht ist dies nur eine Angewohnheit innerer Revolte – bist du nicht von Natur aus ein Rebell?

Ich suchte die Ursache, warum dein physisches Leben mit einer so schmerzvollen Erfahrung begann (den Konzentrationslagern) – nicht gerade begann, aber du warst jedenfalls noch sehr jung. Und ich sah den Grund: es ging um eine Trennung, nicht Trennung sondern disentanglement [Entwirrung], verstehst du?... In allen menschlichen Wesen gibt es zwei Teile: einerseits das, was aus der Vergangenheit stammt und fortdauert, weil es geformt und bewußt ist, und andererseits diese ganze dunkle, unbewußte und wirklich schlammige Masse, die in jedem Leben hinzukommt; dahinein gerät nun ersteres und findet sich völlig eingesperrt – vermischt und eingesperrt –, und im allgemeinen braucht man mehr als das halbe Leben, um aus diesem Gewühl wieder herauszukommen. Da war man bemüht, dir... gleich von Anfang an mehr als die doppelte Dosis zu verabreichen, und das hat zu einer gewaltsamen Trennung geführt: ein Teil ging nach oben, und der andere fiel nach unten ab. Das wirkte fast wie ein Filter, und der Teil, der sich erhob, war sehr abgeklärt, befreit von diesem ganzen Aufruhr: er wird sich dieser Mischung sehr akut bewußt... Noch heute morgen, den ganzen Morgen bis zu dem Zeitpunkt, wo mich die Leute mit Arbeit bestürmten, war ich mir jenes Teils des menschlichen Lebens sehr bewußt, der noch dem Unbewußten, der Unwissenheit, der Finsternis, der Dummheit angehört, der... nicht einmal so harmonisch ist wie die Bäume oder eine Blume, der nicht einmal so ruhig ist wie der Stein, nicht einmal so harmonisch und nicht einmal so stark wie das Tier – etwas, das wirklich einen Verfall bedeutet. Das ist wirklich die menschliche Unterlegenheit. Vielleicht (nein, ich dürfte nicht sagen "vielleicht": ich weiß es), gerade deshalb mußten sich die Dinge abklären – sich setzen, weißt du, wie man eine Flüssigkeit sich abklären läßt? – Genau so ist es. Das Licht klärt sich ab, das Bewußtsein klärt sich ab. Ja, ein Teil deiner selbst ist wirklich vollkommen abgeklärt; jedesmal, wenn ich ihn sehe (das gehört zu meiner Arbeit), erscheint er wunderschön in seiner Lichtqualität, in seiner Schwingungsqualität, und das ist völlig geklärt. Es stimmt aber auch, daß noch eine Art Sediment, ein Bodensatz besteht (wie eine Ablagerung), der etwas schwer ist – und dessen bist du dir bewußt.

Aber dazu darfst du nicht sagen "ich"! Das bist nicht du, dieser Bodensatz ist nicht du!... Du bist dir doch des Lichts klar bewußt?

Ja, zum Beispiel, wenn ich schreibe.

Oder wenn du meditierst.

Ja, aber das ist alles. Es ist ein Licht oder eine Kraft.

Mein Kind, das ist so wunderschön! Es sprudelt wie Champagner – es ist überaus schön, und es ist Licht. Weißt du, wie Champagner schäumt? Es ist schäumendes Licht.

Aber warum kommt dies nicht durch ein erwachtes äußeres Bewußtsein zum Ausdruck?

Weil es abgeklärt ist! Du müßtest zu diesem Bewußtsein oder dieser Erkenntnis gelangen, daß du nicht das (der Körper) bist – wenn du "ich" sagst, denkst du unglücklicherweise an das (Mutter pocht auf ihren Körper), aber das ist es nicht! Das bist nicht du! Du mußt fühlen, daß du nicht das bist, bevor du wieder in ihn hineinsteigen, von ihm Besitz ergreifen und ihn verändern kannst. Solange du sagst: "Das bin ich", bist du gebunden, gefesselt.

Was du bist, ist das (Geste oberhalb des Kopfes), hier: das, was im Licht sprüht – das bist du. Das (der Körper) bist nicht du, das ist das Sediment. Du spürst noch die Eigenliebe deines Körpers! Du solltest fühlen: ich bin nicht das, das bin ich nicht. Es ist... ja, es ist das, was mehr oder weniger ungeschickt und unwissentlich durch den Vater und die Mutter zusammengefügt wurde, vielleicht beeinflußt durch die Großeltern... Diese Entdeckung machte ich mit fünfzehn oder vielleicht siebzehn; ich begann, diese "Gaben" klar zu sehen (wenn man das als Gaben bezeichnen kann), die mir vom Vater, der Mutter, den Großeltern, der Erziehung, den Leuten, die sich um mich kümmerten, übermittelt wurden – kurz, dieses ganze Morastloch, in dem man Hals über Kopf landet. Da erkennt man die Qualität der Schwingung und der Empfindungen, der sogenannten "Gedanken" (die keine Gedanken, sondern mentale, fast automatische Reflexe sind) und der Gefühle (wenn man dies als Gefühle bezeichnen kann: Reaktionen auf das Milieu und alles von außen Kommende), all das wimmelt – weißt du, es wimmelt wie Würmer im Schlamm.

Wenn man das betrachtet und sich sagt: "Aber das bin doch nicht ich!", und wenn man fühlt, daß man das nicht ist: "Das bin nicht ich! Nein. Ich bin das, was schaut, ich bin das, was will, ich bin das, was weiß..."

Du mußt Erleuchtungen haben, ohne daß du es überhaupt merkst! Du hast all das hier (Geste oberhalb von Satprems Kopf), es ist voll von Offenbarungen, mein Kind! Und da suchst du mit den Augen des Vitals zu sehen, suchst Erfahrungen im Subtilphysischen und alle möglichen Dinge, die nicht kommen können, weil du ja hier bist (Geste oben), dort hingegen ist das Sediment.

(Schweigen)

Offensichtlich interessiert sich der Herr besonders für deinen Fall, denn er zeigte mir viele Dinge über dein körperliches Leben, deine Körperreaktionen – er muß sich um dich kümmern! (Lachend) Wenn du ihm etwas Anerkennung schenkst, wirst du es vielleicht merken!

Ich werde eher gereizt, ich ärgere mich, ich schimpfe mit Ihm.

Ach, du ärgerst dich immer – du bist von Natur aus ein Rebell.

Das ist lästig, denn es bedeutet eine große Zeitverschwendung.

(Schweigen)

Aber die Zeit für die Änderung muß gekommen sein, denn mir wurde das Schlimmste gezeigt – dein schlimmster Zustand – und im Gegensatz dazu das, was du sein solltest. Im Grunde merke ich jetzt (lachend), daß ich mich in letzter Zeit viel mit dir beschäftigt habe.

Ich muß sagen: Was ich sehe, ist nicht gerade schön.

Man wird geboren mit... (wie soll ich sagen?) some special twist [einer besonderen Verdrehtheit], jeder wird auf eine spezielle Art (lachend) verdreht geboren – ich kenne meine Verdrehtheit, ich kenne sie gut! (Ich spreche nicht darüber, denn es ist nicht lustig.) Aber dieser Punkt bleibt stets bis zuletzt. In unserer dummen menschlichen Logik sagen wir uns: "Das müßte zuerst verschwinden", aber das ist nicht wahr: es verschwindet als letztes! Selbst wenn all dies ganz klar wird (Geste nach oben), selbst wenn man Erfahrungen hat, bleibt dennoch die Gewohnheit, und es kommt wieder. Man stößt es fort: es steigt aus dem Unterbewußtsein wieder auf; man verjagt es: es kommt wieder von außen zurück; oder sobald man nur eine Minute lang nicht auf der Hut ist, schnellt es prompt wieder hervor – das ist zum Verrücktwerden! Sri Aurobindo hat dies irgendwo beschrieben, ich erinnere mich nicht mehr an die genauen Worte, aber kürzlich las ich es, und während des Lesens sagte ich mir: "Aha! Also wußte er, daß es so ist." Das tröstete mich, und ich dachte mir: "Gut." Er schreibt: "Derjenige, der sein Mental gereinigt und alles Nötige getan hat, der bereit ist, für die Vollkommenheit zu arbeiten..." (das steht in der Synthese des Yoga, im Kapitel über die Selbstvervollkommnung), "... der ist auch bereit, Rückfälle und wiederkehrende Fehler geduldig in Kauf zu nehmen, er arbeitet ruhig und wartet geduldig auf den Zeitpunkt ihres Verschwindens." Ich sagte mir: "Gut, genau so ist es jetzt." Ich warte ruhig auf den Zeitpunkt... (aber ich verpasse keine Gelegenheit, um sie am Kragen oder am Ohr zu packen und zu sagen: "Aha, du bist also immer noch da!...")

Als erstes muß man sein Bewußtsein davon loslösen, das ist überaus wichtig; man muß sagen: DAS-BIN-ICH-NICHT, sondern es ist etwas, das HINZUGEFÜGT, auferlegt wurde, um die Materie berühren zu können – aber das bin ich nicht. Wenn du stattdessen sagst: "Ich bin Das" (Geste nach oben), dann wirst du bald glücklich sein, denn das ist wunderschön – wunderschön leuchtend, sprühend. Es ist wirklich gut, von einer außergewöhnlichen Qualität. Und das bist du. Aber du mußt sagen: "Ich bin Das", und du mußt überzeugt sein, daß du es bist. Die alten Gewohnheiten widersprechen dem natürlich, aber man muß wissen, daß es nur alte Gewohnheiten sind, denen überhaupt keine Bedeutung zukommt – du bist Das.

Dies ist eine unerläßliche Bewegung. In einem gewissen Stadium muß man sich unbedingt davon trennen, denn erst wenn man das getan hat und sich genau bewußt ist, daß man hier ist (Geste oberhalb des Kopfes), daß man Das ist, dann kann man wieder herunterkommen und das Tiefe verändern. Es geht nicht darum, es aufzugeben sondern es zu meistern.

Ich habe nächtelang in Kloaken zugebracht, Kloaken gesäubert.

Ah, das ist gut! (Mutter lacht) Oh, das ist wirklich sehr amüsant, ich tat nämlich dasselbe. Hör zu... Ach, das ist lustig.

Das ist schon in Ordnung.

Man muß durchhalten. Der Sieg wird dem Beharrlichsten zuteil.

In manchen Augenblicken ist man angeekelt, und gerade dann muß man sich daran erinnern. Dein Ekel kann auch berechtigte Gründe haben. Aber du brauchst bloß durchzuhalten. Weißt du, da gibt es etwas, ich weiß nicht, ob du das schon wertschätzen kannst: Sobald man eine Schwierigkeit, eine Revolte, einen Ekel spürt – egal was –, eine Müdigkeit, eine Spannung, ein Unwohlsein, kurz diese ganze negative Seite (in diese Kategorie fällt ernorm vieles, es nimmt alle möglichen unterschiedlichen Färbungen an), machst du sofort die unmittelbare Bewegung, den Herrn zu rufen und zu sagen: "Es liegt an Dir." Solange man es noch selber versucht (instinktiv versucht man, die Dinge mit dem eigenen besten Licht, Bewußtsein und Wissen wieder in Ordnung zu bringen...), das ist idiotisch, denn es verlängert nur den Kampf, ohne im Grunde sehr wirksam zu sein. Es gibt nur eine wirksame Methode, und zwar einen Schritt zurückzutreten von dem, was sich noch "ich" nennt, und... ohne Worte oder mit Worten, das ist egal, aber vor allem mit einer Flamme der Aspiration hier (Geste zum Herzen) und etwas ganz und gar Aufrichtigem zu sagen: "Herr, Du bist es, Du und nur Du allein vermagst es zu tun, niemand außer Dir kann es tun, ich nicht..." Das ist phantastisch, du kannst es dir nicht vorstellen! Zum Beispiel kommt jemand, der dich mit unerträglichen Geschichten belästigt, er will, daß du sofortige Entscheidungen triffst; man muß schreiben, antworten, reden – all das –, und man wird regelrecht überschüttet mit Fluten von Finsternis, Dummheit und schlechten Regungen, all das stürzt auf einen herab, es fällt und fällt und man ist von alledem wie gesteinigt. Schon fängt man an, sich anzuspannen, gerät unter Druck; aber da, sofort (Geste des Zurückweichens): "Oh, Herr..." Man bleibt ruhig, zieht sich ein klein wenig zurück (Geste der Hingabe): "Es liegt an Dir."

Du kannst dir nicht vorstellen, wie wunderbar das ist! Denn sofort kommt genau das, was getan, gesagt oder geschrieben werden muß – klar und einfach, ohne Anstrengung und ohne zu suchen, die ganze Spannung hört auf, verfliegt. Wenn man ein Papier braucht, ist das Papier da; braucht man einen Füllfederhalter, findet man ihn gerade hier liegen; braucht man... man sucht nicht: vor allem nicht suchen, versuche nicht zu suchen, sonst bringst du alles durcheinander – es ist da. Und so ist es in JEDER MINUTE. Das Erfahrungsfeld bietet sich uns in jeder Sekunde. Du hast es zum Beispiel mit einem Hausangestellten zu tun, der die Dinge nicht richtig macht, oder jedenfalls nicht so, wie du denkst, daß sie getan werden müßten, oder dein Magen funktioniert nicht so, wie du gerne möchtest, und er bereitet dir Schmerzen: auch hier gilt dieselbe Methode, es gibt keine andere. Mir passieren Dinge... die Situationen sind dermaßen angespannt, daß man das Gefühl hat, ohnmächtig zu werden, der Körper kann es nicht mehr aushalten, so akut ist die Spannung. Entweder ist es ein Schmerz, oder eine Angelegenheit klappt nicht, eine Abmachung wird nicht eingehalten, und schon tritt eine Spannung auf. Sofort läßt man alles liegen und: "Herr, Du, es liegt an Dir..." Dann setzt ein Friede ein, als befände man sich völlig außerhalb der Existenz, und schon ist es weg – der Schmerz verschwindet, das Schwindelgefühl ist weg. Und das, was kommen muß, kommt automatisch. Wohlgemerkt geschieht all das nicht beim Meditieren, nicht bei Ereignissen von weltumfassender Bedeutung: das Erfahrungsfeld bietet sich einem jederzeit – vorausgesetzt, man weiß es zu nutzen. Dies gilt für alles: wenn man Schmerzen hat oder wenn es innen zerrt, knirscht oder schreit, dann, anstatt zu sagen: "Ach, es tut mir so weh!...", ruft man innerlich den Herrn: "Komm hierhin", und verhält sich ruhig, denkt an nichts mehr – man bleibt einfach unbewegt in dieser Empfindung. Weißt du, schon tausendmal war ich verblüfft: "Sieh an, der Schmerz ist ja weg!" Man hat nicht einmal gemerkt, wie er verschwand. Wenn die Leute ein besonderes Leben oder eine besondere Organisation suchen, um Erfahrungen zu erlangen, dann ist das völliger Blödsinn – in jeder Minute steht einem die größte Vielfalt an Erfahrungen zur Verfügung, in jeder Minute. Nur darf man keine mentalen Ambitionen für "große" Dinge hegen. Gerade kürzlich zeigte man mir auf so klare Weise eine winzige Sache, die ich getan hatte ("ich" ist der Körper, der spricht), eine völlig unscheinbare Angelegenheit, die vom Herrn in diesem Körper bewirkt worden war (das macht einen langen Satz!), und mir wurde gezeigt, wie sich diese ganz winzige Angelegenheit auf die gesamte Erde auswirkte und in welcher Wechselwirkung sie zu ihr stand – das war so sichtbar, wie meine Hand für meine Augen sichtbar ist. Da verstand ich.

Alles wird uns gegeben – ALLES. Alle Schwierigkeiten, die es zu überwinden gilt, alle (und je fähiger wir sind, je komplexer das Instrument, desto zahlreicher sind die Schwierigkeiten), alle Schwierigkeiten und alle Gelegenheiten, sie zu überwinden, alle nur möglichen Erfahrungen, in Zeit und Raum komprimiert, so daß sie unzählig sein können. Dies hat Auswirkungen und Folgen auf der ganzen Erde – ich kümmere mich nicht darum, was im Universum geschieht, das ist im Augenblick nicht meine Arbeit, aber es ist gewiß (weil es gesagt wurde, und ich weiß es), daß das, was auf der Erde geschieht, sich auf das gesamte Universum auswirkt. Hier sitzend lebst du das Alltagsleben in seiner üblichen Bedeutungslosigkeit, seinem Mangel an Wichtigkeit, seinem Mangel an Interesse... und dabei ist es ein wunderbares Erfahrungsfeld! Voll unzähliger Erfahrungen, nicht nur unzählig, sondern auch so verschiedenartig wie nur möglich, angefangen vom Subtilsten bis zum Materiellsten, ohne aus dem Körper hinauszugehen. Nur MUSS MAN IN IHN ZURÜCKGEKEHRT SEIN. Man kann keine Autorität über seinen Körper erlangen, ohne ihn verlassen zu haben.

Wenn der Körper überhaupt nicht mehr man selbst ist, sondern etwas, das hinzugefügt, euch AUFERLEGT wurde, wenn man das erreicht hat und ihn von oben betrachtet (von einer "höheren" Warte im psychologischen Sinne), dann kann man als allmächtiger Meister wieder in ihn hinabsteigen.

Man muß zuerst hinaustreten, dann kommt man wieder herab.

So ist das.

Und man muß all diese Schwierigkeiten, diese schlechten Gewohnheiten mit einem Lächeln betrachten (wie in deinem Fall die Gewohnheit des Rebellierens: das scheint den Zellen deines Körpers eingehämmert worden zu sein), all das muß man wie jemand betrachten, der lächelnd sagt: "Das bin ich nicht. Ach, das wurde mir mitgegeben!... Ach, das wurde hinzugefügt..." Und weißt du, es wurde hinzugefügt..., weil dies einer der Siege ist, die du erringen mußt.

Mir wurde das umfassendste Schauspiel aller Torheiten dieses Lebens zuteil 1, wie ein komplettes Panorama wurde mir das präsentiert: von einer Sache zur anderen gehend, sah ich sie alle – einzeln und wie sie sich miteinander verbinden. Und dann: Warum nur? Warum so etwas wählen? (Eine kindliche Frage, die man sich zu stellen beginnt.) Und sofort die Antwort: Je mehr der Ursprung... (sagen wir: je "zentraler", das ist klarer), je zentraler und reiner der Ursprung in seiner Wesenheit, desto größer ist das, was wir als "die abscheuliche Komplexität unten" bezeichnen könnten; denn je tiefer etwas liegt, desto mehr bedarf es eines essentiellen Lichts, um sich zu ändern.

Wenn einem das erst einmal liebenswürdig mitgeteilt worden ist, dann gibt man sich zufrieden und beunruhigt sich nicht mehr – es ist gut, man nimmt die Dinge so, wie sie sind: "So ist es, das ist meine Arbeit, und ich verrichte sie; ich verlange nur eines, und zwar meine Arbeit zu tun, alles andere ist unwichtig."

So, mein Kind.

Oh, da hast du mich wieder zum Reden verleitet!

 

1 Mutter spricht von ihrem eigenen Leben.

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